Nach der Europa-Wahl: Alles nur Klima ohne Führer?

Nach der Europa-Wahl: Alles nur Klima ohne Führer?
Über Probeabstimmungen, politische Genickbrüche, manipulative Wahlergebnisse, verspielte Kernkompetenzen und das ungestrafte Versagen der SPD-Spitzenkandidatin Katarina Barley 

von Thomas Rudek (1. Update)

Wer die Diskussion nach der Europa-Wahl in den Massenmedien aufmerksam verfolgt, dem wird die thematische Redundanz auffallen: Die Programmatik wird eingedampft auf das Schlagwort der Klimapolitik, während ansonsten die Diskussion um Köpfe, genauer und besser: um Führung geführt wird. Und selbst bei dieser Ausrichtung geht es nicht um die Spitzenkandidaten der Parteien, sondern um die Führer der „Volksparteien“. Will man jedoch den Erosionsprozess der Demokratie in Deutschland, Österreich und vielen anderen Ländern der EU zugunsten eines autoritär-totalitären Systemwechsels in seiner zukünftigen Trag- und Reichweite verstehen, dann ist im folgenden auch die Steuerungsfunktion der Massenmedien zu beleuchten.

Will man die größten Stimmenverluste, die in Deutschland die SPD erzielt hat, verstehen, dann hilft ein Blick zurück: Bei der Diskussion um Digitalisierung, Rationalisierung und Automatisierung werden die zu erwartenden Strukturumbrüche und Gestaltungsoptionen (Arbeitszeitverkürzung, Umverteilung) in der Regel nicht diskutiert, sondern ausgeblendet, wenn nicht gar tabuisiert. Entscheidend ist, dass Hartz IV der erste Einschnitt war, mit dem nicht nur die damaligen Regierungsparteien (SPD und Grüne) unter der Führerschaft von Gerhard Schröder die Voraussetzungen zur Errichtung eines wachsenden Niedriglohnsektor als integralen Bestandteil einer digitalisierten Volkswirtschaft realisiert haben. Auch die CDU/CSU hat durch ihre aktive Mitwirkung im Bundesrat maßgeblich zu diesem „Umbau“ beigetragen. Die Stimmenverluste der sogenannten „Volksparteien“ sind ein Ausdruck des allzu leichtfertig verspielten Vertrauens. Diese Entwicklung wird noch verschärft durch die aktuellen Versuche – allen voran die SPD !!! -, die Öffentlichkeit für dumm zu verkaufen und in die Irre zu führen: Mit der Umetikettierung von Hartz IV ins „Bürgergeld“ ist es genauso wenig getan, wie mit der Einführung einer ausgebremsten „Mietpreisbremse“ (unter der Verantwortung von Heiko Maas) oder der Pervertierung der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens in ein „solidarisches Grundeinkommen“ (Vollzeitbeschäftigung zum Niedriglohn) durch den gegenwärtigen Berliner Bürgermeister Michael Müller. Wie wenig der SPD an einer glaubhaften Erneuerung gelegen ist, beweist nicht nur der programmatische Stillstand, sondern auch der personalpolitische Klüngel, das Postengeschachere, das eingeschworene Festhalten an den ewig Gestrigen und Strippenziehern der Hartz-IV-“Agenda“ wie Olaf Scholz, Katarina Barley, Hubertus Heil und anderen. Um diese Kontinuität zu unterstreichen wurde auch auf jenem außerordentlichen Parteitag der SPD am 25. Juni 2017, als die Spezialdemokratie ihren Spitzenkandidaten Martin Schulz feierte, nicht davor zurückgeschreckt, ausgerechnet Ex-Kanzler und den „Boss der Bosse“ Gerhard Schröder als Eröffnungsredner zu Wort kommen zu lassen.

Die Bevölkerung versteht solche symbolischen Botschaften richtig und bewertet sie als Ausdruck eines unbedingten, unbelehrbaren Festhaltens am Sozialabbau, der mit Vorsatz betrieben worden ist und auch weiter betrieben wird, was am Beispiel der Mietenpolitik auch deutlich wird: Oder wie lässt es sich erklären, dass diese „Profis“ einerseits die gesetzlichen Rahmenbedingungen für einen Niedriglohnsektor mit Brachialgewalt durchgesetzt, und sie andererseits die preiswerten Wohnungsbestände im wahrsten Sinne des Wortes „abgebaut“, verhökert und privatisiert haben? Von Scheinverfahren wie dem gewollt-gescheiterten Parteiausschlussverfahren gegenüber dem Extremisten Thilo Sarrazin ganz zu schweigen.

Flankiert wird diese Politik durch die Leitmedien, was sich am Beispiel der medialen Hinrichtung von Andrea Nahles für jedermann belegen lässt. Die von nahezu allen Leitmedien, genauer von allen Chefredakteuren verbreitete, ungeprüfte Behauptung, Andrea Nahles hätte Probeabstimmungen nicht überstanden, wurde nie bestätigt, aber wenn eine Lüge erst einmal im veröffentlichten Raum die Runde macht und in der Verbreitung die Eigendynamik eines Shitstorms erreicht, dann entsteht ein irreparabler Schaden, der mit Vorsatz kalkuliert war und Andrea Nahles keine Alternative ließ1. Gleichzeitig halten die Redakteure ihre schützende Hand über Katarina Barley, die als SPD Spitzenkandidatin dieses desaströse und schlechteste Ergebnis der SPD bei einer EU-Wahl zu verantworten hat (kein Wunder, ist die von ihr zu verantwortende „Verbesserung“ der Mietpreisbremse ein schlechter Witz). Und auch das Versagen in der ursprünglichen Kernkompetenz der SPD, dem Themenfeld der sozialen Gerechtigkeit, wird nach der Europa-Wahl im ANALytischen Geschwätz natürlich nicht thematisiert. Statt dessen wird in monokausaler, totalitärer Fokussierung zum einen die veröffentlichte Meinung auf die Klimapolitik ausgerichtet, besser eingeschworen und zum anderen in alt-bekannter Führermanier über Personen diskutiert – nach dem Motto: welcher Führer soll Deutschland anführen?

Verschärft wird dieser Aspekt in der Berichterstattung auch durch das bizarre Festhalten am Bild der „Volksparteien“. Die hochgradig manipulative Darstellung in allen Medien orientiert sich bei der Darstellung der Wahlergebnisse lediglich an der Verteilung der abgegebenen Wählerstimmen – nicht jedoch an der Zahl aller Wahlberechtigten! Die immer größer werdende Gruppe von Nichtwählern, die sich offensichtlich nicht mehr von der Scheindemokratie angesprochen fühlen, werden unter den Teppich der Ignoranz gekehrt. Vor dem Hintergrund zahlreicher gesetzlicher Verpflichtungen wie der Meldepflicht, der Schulpflicht über diverse Pflichten zur Abführung von Abgaben und Gebühren bis hin zur Gurtpflicht (und früher der Wehrpflicht), stellt sich die Frage, warum zum Fundament einer gelebten Demokratie keine Wahlpflicht gehört. Die Antwort ist einfach: Damit all die sogenannten Bildungsverlierer, die nach Studien von Prof. Arnim Schäfer zu einem großen Teil die Gruppe der Nichtwähler ausmachen, besser abgeschrieben werden können. Entsprechend wundert es auch nicht, dass in den Ländern mit Wahlpflicht die Kluft zwischen reich und arm nicht so weit auseinander klafft, wie in Ländern ohne Wahlpflicht.2 Die Erklärung ist einfach: In Ländern mit Wahlpflicht sind alle Parteien gezwungen, sich um alle Wähler zu bemühen und ihre Interessen auch im Gesetzgebungsverfahren zu berücksichtigen.

Die Wahlpflicht ist kein Heilmittel für alle Probleme der Demokratie – sie sorgt lediglich dafür, dass die Wahlbeteiligung in allen Bevölkerungsgruppen hoch ist. Damit zwingt sie die etablierten Parteien, Angebote an alle Wahlberechtigten zu formulieren. Gleichzeitig erhöht sie die Chancen für neugegründete Parteien… In Deutschland findet eine Wahlpflicht weder in der Öffentlichkeit noch in der Politik viel Unterstützung. Das wird im günstigen Fall dazu führen, dass die Parteien bei anhaltend niedriger Wahlbeteiligung über allenfalls kosmetische Reformen nachdenken werden. Diese werden jedoch kaum dazu beitragen, den Verlust politischer Gleichheit auszugleichen“ (Wahlbeteiligung: Demokratie – Mehr oder weniger von Professor Dr. Armin Schäfer, aus der FAZ vom 16.12.2015)

Wer sich mit den Studien und Ergebnissen zur Responsivitätsforschung beschäftigt, der wird zwangsläufig zu der Schlussfolgerung gelangen, dass Nichtwähler vor allem unter „bildungsfernen“ Bevölkerungskreisen nicht nur billigend in Kauf genommen werden, sondern die Herstellung von einer wachsenden Zahl von Nichtwählern mit kalkuliertem Vorsatz regelrecht angestrebt wird!3 Die politische Elite verspricht sich davon einerseits einen Entlastungseffekt, muss sie sich um diese Zielgruppe nicht weiter kümmern und den Eindruck erwecken, sie würde deren Interessen im politischen Entscheidungsprozess berücksichtigen. Man bleibt unter seinesgleichen, jener Mitte, zu der nur diejenigen gehören, die was auf der hohen Kante haben! Wer sich derart elitär in seinen Wahrnehmungsmustern und Präferenzen eingerichtet hat, der konzentriert sich im Kampf um die Wählerstimmen der Mitte darauf, die knappen Haushaltsmittel und anderer Ressourcen zugunsten der Gruppen zu verteilen, denen man sich besonders verbunden und verpflichtet fühlt. Wie sehr Vorsatz bei der Produktion von politischem Desinteresse und Politikverdrossenheit im Spiel ist, beweist eine kürzlich vorgestellte Studie zur politischen Bildung im Schulsystem. Unter dem provokanten Titel „Wer hat, dem wird gegeben“ wurde vom „Netzwerk Bildung“ ermittelt, dass an Gymnasien politische Bildung umfangreicher und umfassender vermittelt wird als an anderen Schulen wie Realschulen und Berufsschulen.

Wie sehr dieser elitär-selektive, machtzentrierte Ansatz einer klientelistischen Beziehung mit den Zielgruppen der Besserverdienenden – getarnt als Mitte – selbst die politische Ökonomie der Parteienfinanzierung außer Kraft setzt, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Parteien von einer Wahlpflicht ökonomisch profitieren würden, denn schließlich ist die Erstattung der Wahlkampfkosten an die Zahl der gewonnenen Stimmen gekoppelt. Statt mit der Wahlpflicht die Rahmenbedingungen für eine Maximierung der zu erwartenden Einnahmen zu verbessern, bevorzugen die Parteistrategen die Ausgrenzung der Nichtwähler und damit die Verweigerung, die Interessen dieser Zielgruppe zu vertreten.
Ob eine außerparlamentarische Initiative Abhilfe schaffen könnte, die sich für die Koppelung der Diäten an die Höhe der Wahlbeteiligung einsetzt? Mit einer derartigen dynamischen Diätenanpassung bzw. Koppelung an die Höhe der Wahlbeteiligung hätten wir auch für unsere Volksvertreter ein leistungsabhängiges Finanzierungsmodell gewonnen.

Die nachrangige Behandlung der Wahlbeteiligung und ihre manipulative Ausblendung bei den Berechnungen der Prozentverteilung von Wählerstimmen auf die Parteien ist auch demokratietheoretisch ein elementares Legitimationsproblem. In einem Vortrag bezeichnet der Politikwissenschaftler Prof. Manfred G. Schmidt die Wahlbeteiligung als das „Fieberthermometer der Demokratie“ – und bezugnehmend auf die Wahlbeteiligung der EU bezeichnete er den Zustand des Patienten „Europäisches Parlament“ als „hochkomatiös“.

Gegen die Einführung einer Wahlpflicht wird stets lakonisch das Scheinargument ins Feld geführt, dass es gerade zu den Errungenschaften einer freiheitlichen Demokratie gehöre, nicht zu wählen. Diese Alternative besteht auch bei der Wahlpflicht, denn jeder Wähler und jede Wählerin verfügt über die Möglichkeit, einen „weißen“ Wahlzettel in die Wahlurne zu werfen, also von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch zu machen. Diese Möglichkeit hat der leider schon verstorbene portugiesische Schriftsteller, Sozialist und Träger des Literaturnobelpreises Jose Saramago beeindruckend in seinem Roman „Die Stadt der Sehenden“ geschrieben.

Und wie ernst es um die Lage der europäischen Demokratie tatsächlich bestellt ist, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Wahlbeteiligung lediglich knapp über 50% lag – trotz einer enormen Mobilmachung über die Massenmedien und trotz rechtskonservativer und rechtsradikaler Parteien als zum Teil neue Akteure. Ist das ein Grund zum feiern und zum jubeln? Nahezu die Hälfte der Wahlberechtigten haben sich an der Europa-Wahl nicht beteiligt!!!
Besonders dramatisch ist die Lage in osteuropäischen Ländern. In diesem Zusammenhang muss auf die Ergebnisse der neuen Autoritarismusforschung des „Vereins zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeitgeschichte“ verwiesen werden, die Prof. Oliver Rathkolb in der Beilage „aus politik und zeitgeschichte“ zusammengefasst hat und die belegen, dass die demokratischen Einstellungshaltungen in den Bevölkerungen – freundlich formuliert – einer hohen Anfälligkeit unterliegen bzw. nicht selten kaum vorhanden sind. Von diesem Erosionsprozess sind keinesfalls nur die sogenannten „Bildungsverlierer“ betroffen, sondern auch Studenten, vor allem in jenen naturwissenschaftlichen Disziplinen, aus denen die Führungskräfte von morgen hervorgehen, besser: rekrutiert werden. Das belegen mehrere Studien, die vom „Verein zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeitgeschichte“ an Universitäten in Österreich durchgeführt wurden. Auf die hochaktuelle Studie zur politischen Bildung an Schulen in Deutschland wurde bereits oben verwiesen.

Auch dieser Erosionsprozess demokratischer Einstellungen fällt nicht vom Himmel, sondern wird maßgeblich gesteuert von den Massenmedien. Die Bedeutung von sprachlichen Gedankenbildern, sogenannter „Frames“, ist im Zusammenhang mit der Publikation „Politisches Framing“ von der Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling an anderer Stelle herausgestellt worden. Mit dem neuen Begriff „Rechtspopulismus“ verharmlosen die Leitmedien zum einen das Erstarken rechtsradikaler und rechtsextremistischer Einstellungshaltungen, wie der Schriftsteller Robert Menasse kürzlich in einem Interview (O-Ton Menasse 01:29) betont hat. Zum anderen wird mit dem Begriff des „Rechtspopulismus“ eine Abgrenzung gegenüber Parteien wie der AfD und der Pegida-Bewegung suggeriert, wodurch gleichzeitig dem Erstarken rechtskonservativer Parteien, die gerne der Mitte zugeordnet werden, der Weg geebnet wird.

Dabei sind gerade Parteien der bürgerlichen Mitte und ihre prominenten Führer keinesfalls frei von autoritär-elitären und rassistischen Einstellungshaltungen. Erst jüngst entdeckte der Historiker Andreas Kahrs von der Humboldt-Universität Berlin im Rahmen eines Dissertationsprojekt zu deutsch-südafrikanischen Netzwerken während der Apartheid Dokumente der Königsteiner PR-Agentur Hennenhofer, die aufzeigen, wie eng und vielfältig die Kooperation zwischen Politikern (CDU und FDP), den Medien und dem Apartheidregime in Südafrika bis weit in die 80er Jahre ausfiel, um die „weiße Vorherrschaft“ in Südafrika zu sichern.

Und auch für die mangelnde Bereitschaft an der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit des deutschen Reiches lassen sich Beispiele zuhauf finden: Angefangen von der Torpedierung der Arbeiten des Staatsanwalt Fritz Bauer bin hin zu den Problemen, im Jahr 2000 geeignete Räumlichkeiten für die Ausstellung „Aktion 3 – Deutsche Nachbarn verwerten jüdisches Eigentum“ zu finden.4 Bezeichnend sind auch die Anstrengungen der Friedrich-Ebert-Stiftung, durch ihre „Mitte-Studien“ die antidemokratischen Einstellungshaltungen in der Bevölkerung zu thematisieren, statt die Aufmerksamkeit auf die Einstellungshaltungen der elitären Führungskräfte in Politik, Medien, Wirtschaft und Justiz auszurichten.5 Ablenkung ist immer schon als ein probates Mittel rechtsautoritärer Regime zum Einsatz gelangt.

Dabei zeigen gerade exemplarisch die Ausschnitte aus dem Ibiza-Video, das die Regierungskoalition in Österreich zwischen der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) zu Fall gebracht hat, wie wichtig es ist, die reaktionären und faschistoiden Einstellungshaltungen von Führungskräften in den Fokus zu nehmen, statt immer nur die „Wutbürger“ an den Pranger zu stellen. Auch bei dieser Affäre um HC Strache spielt die parteiliche Rolle der Medien eine zentrale Rolle: Obwohl österreichischen Medien das vor mehr als 2 Jahren gedrehte, mehrstündige Skandal-Video bereits vor einem Jahr angeboten wurde, gab es von Seiten der Redaktionen kein Interesse. Und selbst als sich in Deutschland die Redaktionen des Spiegel und der Süddeutschen Zeitung entschieden, das Strache-Video auf seine Verwertbarkeit zu prüfen, so ist von dem mehrstündigen Film-Material der Öffentlichkeit nur wenige Minuten vorgeführt worden. Der Universalkünstler Andre Heller forderte in einem Interview in Kulturzeit (3Sat), das Material nicht nur in andere Sprachen zu übersetzen, sondern es auch in voller Länge an Schulen und Universitäten zu zeigen und eine Diskussion anzustoßen, um aufzuzeigen, wie Rechtsradikale wirklich denken. Statt diese Anregung eines international anerkannten österreichischen Künstlers für einen offensiven Umgang mit dem Strache-Video aufzugreifen, wird die Öffentlichkeit bevormundet und mit wenigen Minuten abgespeist. Ein Indiz für eine bestimmte politische Nähe zwischen Chefredaktionen und ParteiEN einer bestimmten Couleur / Programmatik / Ideologie?

Ein anderes Beispiel verdeutlicht, was gemeint ist. Kehren wir zu Andrea Nahles medialer Hinrichtung zurück. Am 6.3. diesen Jahres war Andrea Nahles in der Talkshow von Markus Lanz gemeinsam mit dem Journalisten Markus Feldenkirchen, dem Sozialpsychologen Prof. Harald Welzer und dem Mediziner und Naturheilkundler Andreas Michalsen zu Gast. Markus Lanz konfrontierte Andrea Nahles mit der Kritik von Gerhard Schröder, der in einem Spiegel-Interview in der üblichen egomanen Selbstgefälligkeit betonte, wie wichtig es sei, dass ein Kanzlerkandidat über ökonomische Kompetenz verfüge. Befragt, ob Nahles über diese Kompetenz verfüge, antwortete Schröder: „Ich glaube, das würde nicht mal sie selbst von sich behaupten.“ Die völlig unangemessene Vorgehensweise von Markus Lanz spricht für sich und soll hier nicht näher erörtert werden. Und auch die immer wieder propagierte, angebliche Wirtschaftskompetenz von Schröder ist von anderen eingehend untersucht und substanziell widerlegt worden! Was an diesem Beispiel exemplarisch verdeutlicht werden soll, ist die unterschwellige Häme und Aggressivität im Umgang vor allem mit Politikern, die im weitesten Sinne im linken Spektrum verortet werden können6. Oder ist Ihnen auch nur ein einziges Interview bekannt, in dem Angelika Merkel derart vorgeführt und der Lächerlichkeit preis gegeben wurde? Und selbst wenn jetzt am Rand des braunen Sumpfes HC Strache und andere seiner Gefolgsleute lediglich kurzfristig an den Pranger gestellt werden, so wird der gesinnungsnahe Sebastian Kurz auch weiter hofiert, erhält Sendezeit und gewinnt auch nach dem Mißtrauensvotum genügend öffentlichen Raum, um aus der nächsten Wahl als strahlender Sieger hervorzugehen (zur Gesinnungshaltung beeindruckend der österreichische Schriftsteller Robert Menasse (O-Ton Menasse 1:45 Min.)).

Besonders deutlich tritt die rechtslastige Parteilichkeit der (Leit)Medien zu tage, wenn es um Fragen von Bündnissen und Koalitionen geht. Selbst wenn auf Bundesebene die Möglichkeit bestanden hat, eine Mehrheit durch eine Beteiligung der Linksfraktion zu erhalten, so wurde diese demokratische Option medial durch eine entsprechende No-Go-Stimmungskampagnen zu nichte gemacht. Mit dabei handverlesene Experten, deren Sachverstand vor allem eines vermissen ließ: demokratische, verfassungs- und sozialrechtliche Expertise. Vor diesem Sachverhalt abgesehen, hatten sie auch – soweit sie kein Mitglied einer Partei waren – keine demokratische Legitimation.

Bleiben wir noch bei der rechtslastigen Parteilichkeit der Leitmedien: Nach dem verständlichen und nachvollziehbaren, durch die Medien nahezu erzwungenen Rückzug (angebliche Probeabstimmung) von Andrea Nahles wird jetzt erneut das reaktionär-faschistoide Führerbild personalisiert und dramatisiert, indem der SPD-Führer-Etage ein personeller Notstand unterstellt wird – so jüngst in der Maischberger-Sendung „SPD am Boden, CDU unter Druck: Ist die Regierung am Ende?“ vom 5.6.2019, u.a. mit den Führer-“Experten“ für manipulative Meinungsmache Hans-Ulrich Jörges (Stern) und Jan Fleischhauer (Spiegel). Keinen Deut besser die Diskussion am gleichen Tag im Deutschlandfunk „Zukunft der SPD – ganz unten oder steht sie wieder auf?“.7 Besonders hervorzuheben ist auch an dieser Stelle die eine rot-rote Regierung ablehnende Positionierung der taz-Redakteurin und Publizistin Ulrike Herrmann in einem Interview des Deutschlandradios am 8. 6.19 (O-Ton Herrmann 2:04 Min.), die bemängelt, dass es im linken Spektrum keinen „Führer mit Charisma“ gäbe…

Dass dieses Thema ein medialer Selbstläufer ist, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es die Medien selbst sind, die entweder immer wieder dieselben alten, ausgedienten Parteifunktionäre einladen und es ansonsten bei einer kleinen Zahl von aktuellen Polit-Persönlichkeiten belassen, die das mediale Gesinnungs-Casting überstanden haben und ins propagandistisch eng abgesteckte Meinungsprofil passen. Diese Fokussierung ganz bewusst auf wenige medial genehme Auserwählte zu richten, um dann – quasi einen Atemzug später – ein Führer-Problem zu konstruieren, zeigt die strukturelle Verantwortung jener Strippenzieher, die in den Chefredaktionen die öffentliche Meinung nach rechts lenken. Die Etikettierungen sprechen für sich selbst: Bei den Einen sind es die Rechtspopulisten, bei den anderen gibt es keine Führungskräfte mit „Charisma“ (siehe bze. höre Ulrike Herrmann) und die LINKEN haben ja ohnehin weder Wirtschafts- noch Führungskompetenz. Bei dieser ungebrochenen Dominanz eines kleinen Personenkarussells fällt dann auch die inhaltliche Darstellung von Themen, Problemen und Problemlösungen ganz bewusst kleinlich-kleinkariert aus, was sich am Beispiel der Mietpreisbremse veranschaulichen lässt. Ganz in der Tradition jener Schröderischen Agenda der Eigenverantwortung werden die Schwächsten im Vertragsverhältnis, die Mieter, in die Verantwortung genommen, um den Vermieter bittstellerisch zu ersuchen, die Höhe des Vormieters offen zu legen. Erfolgt dann die Antwort, so sah die ursprüngliche Mietpreisbremse von Heiko Maas nicht einmal vor, den Vermieter – im Fall einer zu hoch veranschlagten Miete – zu verpflichten, den Fehlbetrag rückwirkend zum Termin des Einzugs bzw. Vertragsabschlusses umgehend zu korrigieren. Als dann der Karrierist Heiko Maas für dieses Komplettversagen mit dem Posten des Außenministers belohnt wurde, verkündigte seine nicht weniger karriereorientierte Nachfolgerin Katarina Barley frohlockend, triumphierend und mit glänzenden Augen, sie hätte jetzt diesen Fehler korrigiert. An dem schwachsinnigen Prinzip der Eigenverantwortung (Mieter als Fragesteller) wurde freilich nicht gerüttelt. Und im Rahmen der Kumpanei zwischen den Chefideologen der Bewusstseinsindustrie, der Wohnungswirtschaft und dem kleinen Kreis von auserwählten Politikern wurde peinlich genau darauf geachtet, in der Bevölkerung keine schlafenden Hunde zu wecken, z.B. durch die interventionistische Frage, ob es nicht viel einfacher und wirkungsvoller wäre, jeden Vermieter gesetzlich zu verpflichten, in jedem Mietvertrag die Höhe des Vormieters offenzulegen.

Oder nehmen wir das Thema Klima“wandel“ und die unterbelichtete Diskussion um eine Stärkung der e-Mobilität als Königsweg für den Individualverkehr? Fast erscheint es so, als ob die Verantwortlichen in ihrem Erkenntnishorizont den Grundsatz vertreten: Wenn der Strom aus der Steckdose kommt und der Diesel nicht aus der Zapfsäule fließt, dann sei schon viel gewonnen! Kürzlich referierte Harald Lesch über die Digitale Diktatur und thematisierte den Unterschied im Stromverbrauch in Deutschland, China und Indien. Auch wenn Prof. Lesch in den Vergleichszahlen ein Irrtum unterlaufen ist (125 kWh pro Kopf und Tag in DL, 40 kWh in China und 20 kWh in Indien), so zeigt der in seiner Tendenz zutreffende Vergleich doch den Richtwert, um den es gehen muss: Es geht primär um den Stromverbrauch und dessen Begrenzung. Lesch brachte es auf den Punkt: Wenn China und Indien sich unserem Stromverbrauch nähern, dann können noch so viele Windkrafträder gebaut werden – die regenerativen Energien werden diesen Appetit nicht decken können… Und auch an der Umlagefinanzierung der energetischen Gebäudesanierung zu Lasten der Mieter wird festgehalten, statt dieses Finanzierungsmodell durch ein steuerliches Abschreibemodell vollständig zu ersetzen, wie das von uns Wasserbürgern in Kooperation mit der Interessengemeinschaft „Faire Mieten für ALLE“ schon mehrmals gefordert worden ist.

Sowohl die redundante Ökonomisierung der Klimapolitik durch das Geschäftsmodell mit CO2-Zertifikaten oder durch die Einführung einer „sozial gerechten“ CO2-Steuer bringt weniger die Hilflosigkeit im Umgang mit der wichtigsten Herausforderung der Zukunft zum Ausdruck als die Irrwege und Talfahrten, auf die die Bevölkerung geschickt wird. Wie wenig der Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten eine Rolle in der Jagd um Einfaltquoten zählt, wird deutlich, wer die Tagesprogramme analysiert. Als der beste umweltpolitische Dokumentarfilm – eine 3 Millionen teure skandinavische Produktion – „Unser Planet“ in der ARD am 2. Januar 2008 ausgestrahlt wurde, schuld die Uhr kurz vor Mitternacht.

Oft wird in diesen Tage das verloren gegangene Vertrauen nicht nur in die Politik, sondern auch in die Leitmedien beklagt. Vertrauen ist eine Kategorie, die nicht als Vorschuß billig zu haben ist, sondern die immer wieder aufs neue erarbeitet und hergestellt werden muss.

Zurückkommend auf die Wahl und die Berichterstattung wäre schon viel gewonnen, wenn sich wenigstens die Journalisten und Medienverantwortlichen darauf verständigen, bei der Vorstellung der Wahlergebnisse die Zahl aller Wahlberechtigten als die eigentliche demokratische Bezugsgröße anzuerkennen. Möglicherweise würden dann die Volksvertreter ihre Arbeit nicht nur mit mehr Demut und Bescheidenheit verrichten und erkennen, dass einerseits der Weg zu real existierenden Volksparteien nur über eine Wahlpflicht führen kann und andererseits auch jenseits der Parteiendemokratie andere Formen der Bürgerbeteiligung auf gleicher Augenhöhe gefunden werden sollten. Die Aussichten, dass es hierzu kommen wird, setzt jedoch bei der Führungselite eine Bereitschaft, Kritik anzunehmen und lernen zu wollen, voraus, die bisher auch beim besten Willen nicht zu erkennen ist. Und wenn der Publizist und Überzeugungstäter Wolfram Weimer im osterreichischen TV-Format „Talk im Hangar 7“ am 6.6.2019 überzeugt verkündet, dass er sich für Deutschland einen Bundeskanzler Sebastian Kurz wünscht, dann ist das eine unmissverständliche Steilvorlage für den Anschluss.

 

1Nachdem Andrea Nahles ihren Rücktritt bekannt gegeben hat, waren bezeichnenderweise bei den Sendern des Deutschlandradios die Hinweise auf Redebeiträge zu den angeblichen Probeabstimmungen nicht mehr auffindbar!
2So zwei Professoren aus Oldenburg in einem Workshop, der im Rahmen einer Tageskonferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema „Der Nichtwähler – Das unbekannte Wesen“ unmittelbar nach der vorletzten Bremen-Wahl in Berlin stattfand.
3Unter dem Titel „Systematisch verzerrte Entscheidungen? Die Responsivität der deutschen Politik von 1998 bis 2015“ war der Bericht auch Bestandteil des letzten Reichtums- und Armutsbericht. Nachdem das Bundeskanzleramt diesen Bericht zunächst nicht veröffentlichen wollte, sorgte die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles dafür, dass der Bericht auf der Homepage ihres Ministerium publiziert wurde. Es bleibt abzuwarten, ob dieser wichtige Forschungsansatz auch im nächsten Reichtums- und Armutsbericht weiter fortgeführt wird, oder ob die Bertelsmann-Stiftung beauftragt wird, entsprechend gefärbtes Material einzubringen.
4Siehe hierzu den Artikel aus der ND vom 23.6.2000 (!!!) „Schuldig war auch die nette Oma von nebenan“
5So die jüngste Studie „Verlorene Mitte – Feindselige Zustände“
6 Leider haben nicht alle „Linken“ das Vermögen von Sarah Wagenknecht auf konfrontative Unverschämtheiten entsprechend adäquat und souverän zu reagieren.
7Übrigens wurde in keiner diese beiden Sendungen die Frage nach den Hintergründen der angeblichen Probeabstimmung gestellt. Auf wen ist diese Behauptung zurück zu führen und vor allem, welcher leitender Chefredakteur hat die Veröffentlichung genehmigt und dadurch den politischen Genickbruch von Andrea Nahles zu verantworten?

BGE in den Leitmedien – Mehr Schein als existenzsicherndes Sein

BGE und soziale Gerechtigkeit – nicht unter der relativen Armutsgrenze!

Am Ostermontag, dem 17.4.2017, lief im Deutschlandfunk in der Reihe „Hintergrund“ die Sendung „Das bedingungslose Grundeinkommen – Balsam für die Seele“. Bei einem BGE in Höhe von 1000 € brutto handelt es sich wahrlich um „ein süßes Gift“. Übrigens: Auch in der letzten TV-Sendung „quer extra“ ging es um die Zukunft der Arbeit und auch in diesem Kontext (Indsutrie 4.0) wurde das BGE als Modell zur Sicherung der Nachfrage diskutiert – und zwar in der Höhe des durchschnittlichen Verdienstes! Distanziert hierzu aus der elitär-sozialwissenschaftlichen Perspektive leider Prof. Harald Welzer.

Für eine ernsthafte Diskussion um ein menschenwürdiges Grundeinkommen wäre schon viel gewonnen, wenn die offizielle relative Armutsgrenze in Höhe von 60 % des durchschnittlichen Erwerbseinkommens als Meßwert angesetzt werden würde. Nur zur Erinnerung: Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik lag das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Arbeitnehmers im Jahr 2015 bei 32643 € brutto. Nach diesen Angaben hätten wir dann für das BGE einen Richtwert von monatlich ca. 1600 € brutto. Dieser Betrag ist auch deshalb als moderat bzw. zurückhaltend zu bewerten, weil die anderen Einkommensarten (Einkommen aus Vermögen) in die Berechnung NICHT einbezogen worden sind. Zu koppeln wäre dieser Richtwert an eine armutsindizierte Inflationsanpassung, wie sie von dem verstorbenen Statistiker Hans Wolfgang Brachinger entwickelt worden ist (siehe den von ihm entwickelten Index der wahrgenommenen Inflation).

Brachinger IndexderWahrgenommenenInflation png – Wikipedia

Abschließend noch einen Literaturhinweis zu den neoliberalen bzw. marktextremistischen Tricks bei der Umstellung zur Berechnung der Inflationsrate: https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/03/29/die-schande-von-europa-deutschland-beutet-seine-arbeiter-aus/

Auch wenn dieser Artikel aus dem Jahr 2014 stammt, so verdeutlicht dieser Artikel von dem Staatsrechtler Joachim Jahnke doch sehr deutlich alle „Vakanzen“ und Ausblendungen in den Diskussionen um den Arbeitsmarkt in den Leitmedien. Wer das Thema vertiefen möchte, dem sei die aktuelle Publikation von Werner Rügemer „Die Fertigmacher“ empfohlen.

Links:
statistik/daten/studie/164047/umfrage/jahresarbeitslohn-in-deutschland

www.deutschlandfunk.de/bedingungsloses-grundeinkommen-balsam-fuer-den-sozialen.724.de.html?dram:article_id=383978

quer extra (Bayern 3) vom 13.04.2017 zum Thema „Zukunft der Arbeit“ u.a. mit Prof. Harald Welzer („Klimakriege“, „Die smarte Diktatur“)
www.br.de/mediathek/video/sendungen/quer/quer112.html

Die Scheindemokratie & ihre Scheinheiligen

Wir erinnern uns: Während die Leitmedien mit ihren Gatekeepern und Alphajournalisten glaubten darüber berichten zu müssen, ob bei der Vereeidigung von Trump oder Obama mehr Menschen anwesend waren, so beweist diese Berichterstattung erneut beängstigende Fehlentwicklungen gezielter Desinformation. Auch das Wiederkäuen der Einflussnahme russischer IT-Spezialisten auf den Wahlkampf dient einzig der Ablenkung von einer tiefen Legitimationskrise der amerikanischen Demokratie. Bereits Obama konnte trotz einer massiven Kampagne zur Mobilisierung von Wählern nur 33 % der Stimmen auf sich vereinen. Trump wählten lediglich 59,8 Millionen, das sind 26,4% der Wahlberechtigten. 95,2 Millionen Amerikaner haben nicht gewählt! Das sind 42% der Wahlberechtigten! Diese Fehlentwicklungen stellen nicht nur das demokratische System in Frage. Wer sich mit den Ursachen näher beschäftigt, wird schnell erkennen, dass die Probleme hausgemacht sind, dass es vor allem republikanische Kräfte sind, die gezielt daran arbeiten, immer mehr Wähler so genannter Randgruppen vom Wahlrecht auszugrenzen, wie kürzlich Thomas Reintjes in seinem Feature „Wahlsystem USA – die defekte Demokratie“ herausstellte.

Auch in europäischen Staaten nehmen immer mehr Menschen an Wahlen nicht teil. Statt sich dieses Themas offensiv anzunähern und sich für die längst überfällige Einführung einer Wahlpflicht auszusprechen, scheuen die Leitmedien diesen überfälligen offensiven Diskurs wie der Teufel das Weihwasser! Diese Verweigerungshaltung ist weder zu akzeptieren noch zu billigen, schließlich ist eine hohe Wahlbeteiligung das Lebenselexier einer demokratischen Parteiendemokratie. Ähnlich wie die Gurtpflicht den Schutz von motorisierten Verkehrsteilnehmern erhöht, so bildet die Wahlpflicht das Fundament, auf dem sich eine Demokratie auch in Krisenzeiten erst behaupten kann. Die Ignoranz der Leitmedien spiegelt sich auch in den manipulativen Sonntagsfragen führender demoskopischer Institute wieder: Die Frage nach der Wahlbeteiligung, ob man überhaupt wählen würde, fällt unter den Tisch, so dass stets ein komplett falsches bzw. hochgradig verzerrtes Bild vermittelt wird. Mit diesem selektiven Blick wird man dann noch hypnotisch darauf eingeschworen, dass der politische Kampf „in der Mitte“ gewonnen werde.

Diese manipulative Verzerrung ist auch aus einem anderen Grund besorgniserregend. Unmittelbar nach der letzten Landtagswahl in Bremen veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin eine Tagesveranstaltung zum Thema „Nichtwähler – das unbekannte Wesen“. Zwei Professoren aus Oldenburg, ein Volkswirt und ein Jurist, stellten in einem Workshop ihre Ergebnisse mit dem verblüffenden Ergebnis vor, dass in Ländern mit Wahlpflicht die Einkommenskluft zwischen Reich und Arm kleiner ausfällt als in Ländern ohne Wahlpflicht! Der Erklärungsansatz war genauso einleuchtend wie einfach: In Ländern mit Wahlpflicht müssen die etablierten Parteien sich um alle Wähler kümmern, und nicht nur um die Mitte, während in den Ländern ohne Wahlpflicht die etablierten Parteien die Nichtwähler größtenteils abgeschrieben haben! Exakt diese Einstellungshaltung wurde auch auf den anschließenden Podiusmdiskussionen durch soziologische Forschungsdaten untermauert! Da die Nichtwähler aufgrund ihrer Verortung im rechten Umfeld für die SPD nur schwer zu gewinnen seien, läßt man diese Gruppen rechts liegen. Diese interessenspolitische bzw. polit-positivistische Einschätzung führt nicht nur nicht weiter, sie trägt dazu bei, dass die Legitmationskrise der Demokratie ähnliche Auswüchse annehmen wird wie in den USA.

Um diesen Entwicklungen Einhalt zu bieten, muss der Druck der Zivilgesellschaft vergrößert werden. Möglicherweise kann durch ein neues Volksbegehren die Ignoranz eines repräsentativen Systems, dem die Wähler fern bleiben, durchbrochen werden. Ein neues Volksgesetz müßte auf den Weg gebracht werden, in dem die Höhe der Diäten an die Wahlbeteiligung gekoppelt wird: Schaffen es alle Parteien viele Wähler für die Parlamentswahl zu mobilisieren, dann sollen die Abgeordneten für die hohe Wahlbeteilung auch mit hohen Diäten belohnt werden. Fällt die Wahlbeteiligung hingegen gering aus, dann fallen auch die Diäten in den Keller.

Wie schrieb Kark Kraus bereits während der Weimarer Republik so treffend: „Autovertreter verkaufen Autos. Versicherungsvertreteter Versicherungen. Und Volksvertreter?“ Lassen wir uns nicht länger für dumm verkaufen: Wenn etablierte Politiker durch ihre Politik mit Vorsatz immer mehr Nichtwähler produzieren, und dabei ganz bewußt das Thema „Wahlpflicht“ mit einem Tabu belegen, dann besteht dringender Handlungsbedarf. So wie die Steuerplicht als ökonomische Grundlage staatlicher Handlungsfähigkeit in unserem Bewusstsein fest verankert ist, so muss auch die Wahlpflicht zum Grundkonsens einer gelebten Demokratie erhoben werden!

 

Tagesspiegel & Deutschlandfunk Hand in Hand – Fake-News & rechtspopulistische Meinungsmache

Fake-News und rechtspopulistische Hetze des Deutschlandradios gegen das Portal der Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN)

Tagesspiegel „Chefredakteur“ (besser Führungsoffizier) Casdorff wettert im Deutschlandfunk gegen Andrej Holm

Der Kampf um die Köpfe läuft auf Hochtouren, wobei es freilich weniger darum geht, welches Medium als rechts, links, populistisch oder wie-auch-immer etikettiert / klassifiziert wird, sondern welche Themen zum einen faktisch-seriös belegt werden, zum anderen selektiert und ausgesondert, den Lesern und Rezipienten also vorenthalten werden. Als Medien-Konsumenten bzw. „Besucher“ von Portalen sind wir heutzutage mit der Herausforderung konfrontiert, stärker als je zuvor das uns vorgesetzte aus kritischer Distanz zu betrachten, uns unsere eigene Meinung zu bilden, und nicht das uns vorgesetzte vorbehaltlos wiederzukäuen. Ich persönlich bin ein leidenschaftlicher Radiohörer und bevorzuge das öffentlich-rechtliche Radio, „beobachte“ aber vor allem beim Deutschlandfunk und Deutschlandradio immer stärker eine eindimensionale und vor allem einseitige Fokussierung in der „Berichterstattung“. Umgekehrt überzeugt mich beim Besuch des Portals der Deutschen Wirtschaftsnachrichten die Breite der Themenauswahl, wobei auch hier in Artikeln Positionen bezogen und vermittelt werden, die oft ein Defizit an Ausgewogenheit erkennen lassen. Jetzt kam es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen der DWN und dem Deutschlandradio vor dem Landgericht Berlin, in der es um „Fake News“ ging. Diese Auseinandersetzung nahm die DWN-Redaktion zum Anlass, die bisherige kostenfreie Nutzung des Portals zu kommerzialisieren. Ich lege Euch vor allem das Lesen des letzten Artikels ans Herz, weil hier noch einmal die Bedeutung der Verbreitung von gefakten (die Verwendung des Begriffs „getürkten“ ist trotz Erdogans Gleichschaltungsoffensive politisch inkorrekt) „Nachrichten“, die es in die Leitmedien geschafft haben, über die amerikanischen „Social“-Medien gut herausgestellt wird.

Wie auch immer – im Dickicht des Informationsdschungels sich zu behaupten und zusätzlich auch noch die Bereitschaft unter Beweis zu stellen, sich bei dieser Orientierung nicht nur um den Nabel seiner „eigenen“ Komfortzone zu drehen, bleibt die eigentliche Herausforderung. Wie schrieb Elazar Benyoëtz so treffend: „Information – das Dir Angegebene; Wissen – das Dir Gegebene“.

Abschließend zum Deutschlandradio und dem Vorwurf der einseitgen Stimmungsmache: Kürzlich eröffnete die Redaktion dieses Radiosenders dem Chefredakteur des Tagesspiegels Stephan-Andreas Casdorff die Möglichkeit, über den neuen Berliner Staatssekretär Andrej Holm herzuziehen. Schade, dass dieser Miniatur-Goebbels aus der deutschen Geschichte nichts gelernt hat und es ist für die Printmedien wie den Tagesspiegel bezeichnend, dass so eine Person wie Casdorff zum „Chefredakteur“ bzw. Führungsoffizier der Meinungsmache berufen wurde. Wie hier gegen den neuen Staatssekretär des Berliner Senats Andrej Holm auf unterstem Niveau gewettert wird und Casdorff den Teufel an die Wand schmiert, ist nicht nur absolut grenzwertig, sondern zugleich ein Besipiel für postfucktische Stimmungsmache bei den Massenmedien. Quasi marschieren in engster Komplizenschaft Tagesspiegel und Deutschlandradio Hand in Hand und legen postfucktische Tretminen in der Meinungslandschaft. Bleibt zu hoffen, dass die Krise der Printmedien auch am Tagesspiegel nicht vorbei geht und Casdorffs Karriere als Schmierfink dann hoffentlich endgültig vorbei ist! Doch wer weiß, vielleicht wird er dann Programmdirektor beim Deutschlandradio. Übrigens sind meine Hoffnungen / Erwartungen an Holm als Staatssekretär äußerst gering. Seine Stärken liegen zweifelsohne in der Analyse des Wohnungs“marktes“, nicht in der Veränderung bzw. Transformation zugunsten der von der Gentrifizierung betroffenen Menschen.

„Und hier wartet die nächste Erkenntnis: Er ist nicht nur parteilos und Wissenschaftler. Er ist ein verwaltungsunerfahrener Theoretiker mit radikal anderen als den bisher von der SPD verfolgten Vorstellungen. Er ist ein Gentrifizierungskritiker mit doktrinären, manche sagen: sozialistischen Vorstellungen vom Bauen in der Stadt. Er ist ein linker Aktivist, der Hausbesetzung als effektives Mittel zur Schaffung von Sozialwohnungen preist, leer stehende Wohnungen zwangsbelegen will und mit umfangreichen Steuersubventionsprogrammen eine baupolitische Richtung unterstützt, die zu mächtigen Kontroversen führen kann…
… Nein, Holm passt ins Konzept der Linken für die Metropole Berlin. Jetzt aber hat sich der Senat, dessen Erfolg nicht zuletzt daran gemessen werden wird, wie und wo er in den nächsten Jahren bezahlbaren Wohnraum in großem Umfang erhält und neu baut, an Holm gebunden. Der gesamte Senat! Darin liegt die Gefahr seiner Ernennung für die Zukunft. Die Stasi-Vergangenheit holt ihn halt nur ein…“

so der Chefredakteur des Tagesspiegels, besser Führungsoffizier der Meinungs- und Stimmungsmache Stephan-Andreas Casdorff im Deutschlandfunk am 17.12.2016.

Katastrophenquarantäne für den Journalismus und eine „wohltemperierte Grausamkeit“ für die Flüchtlinge! Das rückständig-reaktionäre Weltbild des Psycho-„Philosophen“ Peter Sloterdijk – Offenlegung im Rahmen eines Gesprächs mit Rainer Burchardt (dlf)

dlf solterdijk 20150730Lange hatte man nichts mehr von ihm gehört, dem „Psycho-Philosophen“ Peter Sloterdijk, der im ZDF am Sonntagabend  10 Jahre  gemeinsam mit Rainer Safransky unter Einbeziehung zweier Zaungäste die Sendung „Das philosophische Quartett“ dominierte, um seine Sicht schwadronierend-geschwätzig dem Fernsehpublikum darzubiedern. Am Donnerstagabend war es dann wieder einmal soweit: Nicht im Fernsehen, aber im Deutschlandfunk wurde den Zuhörern in der Reihe „Zeitzeugen im Gespräch“ die Möglichkeit eröffnet, ein Glanzstück journalistisch-analytischer Darstellung durch eine einfühlsame wie strategisch-brillante Gesprächsführung wahrnehmen zu können. Der erfahrene Medien-Profi Rainer Burchardt überzeugte durch sein Interview, gelang es ihm nicht nur einen Einblick in die Gedankenwelt von Peter Solterdijk zu vermitteln, sondern auch die Beweggründe erahnen zu lassen, die den Intendanten des ZDF dazu bewogen haben, die Sendung „Das philosophische Quartett“ nicht weiter fortzuführen.

Im Rahmen der Aufarbeitung des Gesprächs unterteilte Rainer Burchardt das Interview in vier thematisch getrennte Einheiten: Dem persönlich-familiären Einstieg folgten Ausführungen über die Entwicklung der Demokratie in der deutschen Geschichte. Besonders aufschlussreich waren Sloterdijks Bemerkungen über die Schlüsselrolle der modernen Massenmedien für die neurotischen Erregungszustände unserer Gesellschaft (O-Ton 2:29 Min) wie seine Empfehlungen zur (lokalen) Terrorismusbekämpfung durch eine gezielte Nichtberichterstattung (O-Ton 4:55 Min.) bzw. eine mediale  „Katastrophenquarantäne“. Sein historischer Vergleich mit der Schiffsquarantäne als Schutzvorkehrung vor den Erregern der Pest war dann die Steilvorlage für Rainer Burchardt, um zum Thema der  „brennenden Migrationsfragen“ überzuleiten. Sloterdijk empfiehlt attraktiven westlichen Gesellschaften eine „wohltemperierte Grausamkeit“ (O-Ton 5:56 Min) gegenüber den „vökerungsARTigen Verschiebungen“, wobei bereits der Umstand, dass Sloterdijk die Frage, ob der Hitzegrad in abgefackelten Asylbewohnerheimen auch noch als „wohltemperierte Grausamkeit“ einzustufen ist, unbeantwortet ließ, für sich, aber nicht für Sloterdijk spricht.

Fazit: Für jemanden, der einerseits gerne historische Vergleiche bemüht und vor pseudo-psychologischen Übertragungsversuchen nicht zurückschreckt, andererseits es trotz oder gerade aufgrund dieser sprachgewaltig-verpackten Banalisierungen (des Bösen) verstanden hat, die mehr mentalen als intellektuellen Erregungszustände anzufeuern, ist es verwunderlich, dass der Blick vom professoralen Elfenbeinturm offensichtlich die Sicht auf die Niederungen differenzierender Analyse ausschließt. Gerade was die Ursachen der aktuellen Entwicklungen des Terrorismus betrifft, gibt es genügend fundierte wie substanzielle Analysen von kompetenten Persönlichkeiten wie dem verstorbenen Peter Scholl-Latour oder des Nahost-Experten Dr. Michael Lüders, die die fatalen Auswirkungen von westlichen geostrategischen Interessen im Nahen Osten aufgezeigt haben. Doch auch die Darstellung der deutschen Verantwortung muss solange als rückständig klassifiziert werden, solange die Entwicklungshilfe – jetzt schönrednerisch als Entwicklungszusammenarbeit (natürlich nicht auf gleicher Augenhöhe) umschrieben – durch profitable Geschäftsmodelle a la PPP (Public Private „Partnership“) pervertiert wird, um den Rückfluss der Mittel ins Herkunftsland zu sichern. Auch das vorsätzliche und politische gewollte prognostische Versagen über die zu erwartenden Migrationsbewegungen dienen nur der Reanimierung jener Kräfte, die nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus in den Dämmerschlaf versetzt worden sind. Und wir dürfen gespannt sein, ob irgendwann durch „Euro-Leaks“ die neuen Wannsee-Protokolle bzw. Brüssel-Protokolle auftauchen werden, aus denen ersichtlich wird, wie das Migrationsproblem einer Endlösung zugeführt worden ist. Gewiss wird Herr Sloterdijk hierzu entsprechende Vorschläge zur psycho-philosophischen Vermarktung parat haben. Was an solchen sprachgewaltigen Wortführern am meisten zu denken gibt? Dass es genügend Personen gibt, die sich durch diese Brandstifter nicht nur angesprochen fühlen, sondern auch veranlasst sehen, den Worten Taten folgen zu lassen.

Rückblickend gesehen, war die Absetzung des philosophischen Quartetts überfällig. Ob mit David Precht ein qualitativer Neustart für ein anspruchsvolles Diskurs-Format eröffnet wurde? Die „ZDF-Nachtgespräche“ mit Volker Panzer waren in ihrem Erscheinungsbild insofern anders, als es dem Moderator weniger um die narzisstische Selbstdarstellung als um das Interesse an seinen Gästen ging. Würde sich die deutsche Talk-Republik auf einen solchen Moderationsstil rückbesinnen, dann wäre schon viel gewonnen.

Thomas Rudek
Interessengemeinschaft für Demokratie, Bürgerbeteiligung und Transparenz (IG DeBüT)