Corona-Krise: Licht ins mediale Dunkel um COVID-19 bringen

Liebe Freunde, Besorgte, Betroffene, Mitstreiter & Vordenker,

die Schlüsselbedeutung der Petition für einen sachgerechten, aufgeklärten Umgang mit der Corona-Krankheit (COVID-19) erklärt sich nach der Lektüre des Interviews mit dem Statistiker Gerd Bosbach.

https://www.nachdenkseiten.de/?p=59617

Daher meine dringende Bitte: Unterstützt die zeitlich gebundene Petition (nur noch 4 Tage) und leitet diese unbedingt weiter! Nutzt Eure Netzwerke, in der (zugegeben naiven) Hoffnung, dass die Leitmedien wieder zu einer nüchternen Diskussion zurückkehren und die wichtigen Relationen zwischen Getesteten, positiv Getesteten, Erkrankten, ernsthaft Erkrankten und Verstorbenen im Verhältnis zu der Bevölkerungszahl eines jeden (Bundes)Landes dann auch transparent aufführen und benennen! Wir wissen: Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.

https://www.openpetition.de/petition/online/fuehren-sie-die-baseline-studie-durch-wir-brauchen-endlich-saubere-corona-daten

Eine persönliche Anmerkung: Ich befürchte einen drastischen Anstieg von Todesfällen von Menschen, die auf ambulante Pflegedienste zwingend angewiesen sind, und nun auf sich allein gestellt sind, weil zahlreiche Unternehmen ihre Arbeit eingestellt haben. Ob diese Fälle auch statistisch erfasst werden?

Und vergessen wir bitte nicht: Jeden Tag sind vor Corona in Deutschland 2600 Menschen gestorben – jeden Tag!

Ernüchternd wie besorgt

Thomas

Neujahrsgruß 2020: Das Peter-Prinzip

2020: Hauptsache Happy New Year für die High-Potenzials
Das Peter-Prinzip oder die Beharrungskraft der elitären Arroganz und Ignoranz
Ein Ausblick auf Kommendes
(3. Update)

Kurz vor dem heiligen Fest fiel eine wichtige Anmerkung des Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Paul Krugman der vorweihnachtlichen Hektik zum Opfer. Krugman bemerkte, dass die deutsche Infrastruktur noch mehr herunter gewirtschaftet sei als in seinem Heimatland, der USA. Schuld hieran sei die sogenannte „Austeritätspolitik“: Statt an der Sparpolitik der Schwarzen Null festzuhalten, empfahl Krugman, sich von der sogenannten Konsolidierung öffentlicher Haushalte zu verabschieden und die Versäumnisse durch Schulden wieder wett zu machen und eine Reichensteuer einzuführen.

Ob diese Botschaft die Gehörgänge der verantwortlichen Führungskräfte erreichen wird, ist zu bezweifeln. In Deutschland wird die Sparpolitik vor allem durch zwei Politiker personifiziert: Zum einen durch Wolfgang Schäuble (CDU) und zum anderen durch den jetzigen Finanzminister Olaf Scholz (SPD). Zementiert wird die rigorose Sparpolitik vor allem durch die flankierende Berichterstattung der Leitmedien: Wer nur den kleinsten Verdacht erregt, von diesem Kurs abzuweichen, der wird niedergemacht und massenmedial vorgeführt. Die Schauprozesse gegen die neue SPD-Spitze, Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken, auf den deutschen Talkbühnen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens unmittelbar nach deren Wahl, schüren nicht nur erhebliche Zweifel an der Einstellungshaltung der Talk-Moderatoren gegenüber der demokratischen Willensbildung, sondern belegen generell, dass Hass, Verachtung und Respektlosigkeit keine Eigenschafen sind, die nur im Netz und in rechtspopulistischen Foren zu finden sind. Im Gegenteil, diese Einstellungshaltung gegenüber Vertretern einer linken Einstellungshaltung scheint ein Erfolgskriterium weniger für hohe Einfaltquoten sondern für die Gesinnungshaltung von Moderatoren und Chefredakteuren, die es zu was bringen wollen und sich zu noch Smiley kotzhöherem berufen fühlen: Hajo Schuhmacher oder Jörg Thadeusz als zukünftige Pressesprecher der AfD? Oder Anne Will, Sandra Maischberger und Maybritt Illner als das feminine Beratertrio von Bertelsmann?

Derartige Karrieren sind keineswegs hirnlose Konstrukte, sondern durchaus realistisch, wie nicht nur der Fall von Matthias Kollbeck belegt: Angefangen beim RIAS bzw. SFB (jetzt rbb), dann Pressesprecher unter dem Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin und danach Pressesprecher bei den damaligen Anteilseignern der – bis zum ersten erfolgreichen Volksentscheid – teilprivatisierten Berliner Wasserbetriebe, RWE und Veolia. Andere Journalisten wie der Aufstieg von Jan Thomsen (vom „Journalisten“ zum Pressesprecher des Berliner Umweltsenats) oder von all denjenigen, die sich aktiv an der Vorverurteilung und dem Fall von Christian Wulff beteiligt hatten, beweisen eindeutig, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, wie im Zusammenhang mit dem Fall des Spiegel-Journalisten Class Relotius immer und immer wieder suggeriert wurde. Das Gegenteil trifft zu: Die anfängliche Verweigerung der Spiegel-Chefredaktion gegenüber den Recherchen von Juan Moreno über den Kollegen Class Relotius belegt die Krise und Parteilichkeit des Mediensystems, wobei in den Printmedien die Konzentration auf wenige Eigentümer ohnehin die Pressefreiheit auch strukturell konterkariert (kurz und knapp dargestellt von Volker Pispers). Es ist Buch staunauch kein Trost, dass im Fall des mehr Geschichtenerzähler als Journalisten Tom Kummer und seinen erfundenen Reportagen über Prominente auch die verantWORTlichen Chefredakteure des SZ-Magazins, Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, ihren Stuhl räumen mussten. Denn das Komplettversagen von Ulf Porschardt als Chefredakteur schadete seiner Karriere nicht, sondern wurde mit einem Posten als Chefredakteur der Welt-Gruppe auch noch belohnt! Von diesem Karrieresprung abgesehen, wird diesem selbstgefälligen Alpha-Männchen auch mit zahlreichen Einladungen auf öffentliche Talkbühnen die Möglichkeit eingeräumt, seine altbackenen Plattitüden stets aufs neue abzusondern.

AusrufungszeiichenSchlimmer jedoch als diese Beteiligung an der Produktion von Fake News und erstunkenen wie erlogenen Lügen-Märchen ist das Schweigekartell: Während nicht nur im letzten Jahr endlos wie belanglos das BREXIT-Thema ergebnislos und inhaltsleer wiedergekäut wurde, fiel die Solidarität in den Chefredaktionen für ihren in England inhaftierten Kollegen Julian Assange bezeichnenderweise gering aus – und das, obwohl der UNO-Sonderbotschafter für Folter, Nils Melzer, sich zu diesem Fall eindeutig positioniert hat! Gerade das bewusste Unterlassen einer massenmedialen Mobilmachung für die unverzügliche Freilassung von Julian Assange, dem wie keinem anderen mit der Internetplattform WikiLeaks die öffentlich hochwirksame wie effiziente Demaskierung der Mächtigen gelungen ist, steht quasi symbolisch für die Kritik an der systemkonformen „Freiheitspresse“. Das Totschweigen kommt einem Todesurteil gleich, wie auch der Kurzkommentar von Milosz Matuschek „Julian Assanges Hinrichtung auf Raten“ verdeutlicht! Der Titel der Tageszeitung junge welt brachte es auch den bekannten Punkt: Unter dem Titel „Besser spät als nie“ stellt Ina Sembdner eine Petition für die Freilassung von Assange vor, die von Günter Wallraf leider erst Ende Januar zum Thema erhob:

…Der öffentliche Aufruhr ist wichtig, kommt aber reichlich spät. Im Sommer vergangenen Jahres hatten internationale Medien dem UN-Sonderberichterstatter über Folter, Nils Melzer, die Veröffentlichung eines Appells zum Fall Assange verweigert. Der offene Brief, »Entlarvung der Folter an Julian Assange«, wurde schließlich am 26. Juni 2019 über die Onlineplattform »medium.com« veröffentlicht und von deutschen »Leitmedien« nur kursorisch zitiert… Für jene, die nicht täglich mit dem Thema befasst sind, konnte zuletzt der Eindruck entstehen, dass das jüngste Interview Melzers vom 31. Januar in der Schweizer Zeitung Republik überraschend neue Erkenntnisse geliefert habe. Der UN-Offizielle wiederholt seine Anschuldigungen jedoch bereits beharrlich seit dem vergangenen Sommer – nur zuhören wollte ihm bisher kaum jemand…“

Bezeichnend ist vor allem die mangelhafte Progressivität, mit der diese Petition eben nicht beworben wird: Wenn beispielsweise in den Printmedien oder den Radiosendungen des Deutschlandfunks beiläufig über Julian Assange berichtet wird, dann fehlt in den meisten Artikeln bezeichnenderweise der Link zur Petition für die Freilassung von Julian Assange: https://assange-helfen.de/

Es verdichten sich die Indizien, dass Journalisten, die was werden wollen, schnell die Zeichen der Zeit erkennen und früh auf den rechtspopulistischen Zug springen. Und natürlich begnügen sie sich in der Regel nicht damit, als Fahrkartenkontrolleure die Reisenden zu beobachten und die Gründe für deren Reiseziel zu erkunden. Nein, die meisten wollen nach vorne, ganz nach vorne, an die Spitze, in den Führungswagon, in dem sie am liebsten den Kessel anheizen würden, damit die Lok an Fahrt gewinnt und schneller das Ziel erreicht – ganz gleich, ob das Schienennetz für das Tempo ausgelegt ist, ganz gleich wer auf der Strecke bleibt. Unparteilichkeit scheint kein Standpunkt mehr zu sein, der als unabdingbare Haltung für die Ausübung dieses Berufs vorausgesetzt werden kann. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Unparteilichkeit hat ausgedient. Die eindeutige Positionierung innerhalb des rechtskonsverativen und rechtspopulistischen Spektrums erscheint als die unabdingbare Voraussetzung zur Sicherung der beruflichen Karriere. Im Fall von Julian Assange scheint die transatlantische Bündnistreue in den europäischen Chefetagen der Meinungsindustrie exakt das Ergebnis zu bestätigen, dass der Medienwissenschaftler Uwe Krüger bereits 2011 in seiner Dissertation Leitmedien und ihre Nähe zu Politik- und Wirtschaftseliten“ empirisch ermittelt hat:

„Zu der Frage, welche Art der Beeinflussung der Journalisten durch die Eliten vorliege, vermutet Krüger, dass „Journalisten mit Eliten-kompatiblen Werten und Meinungen höhere Chancen (haben), Zugang zu den höchsten Kreisen zu bekommen, und die Einbindung in das Elitenmilieu verstärkt dann über die Zeit hinweg die Konformität. Das heißt auch: Journalisten mit Eliten-kompatiblen Meinungen haben bessere Chancen, Karriere zu machen, denn sie können im eigenen Haus und in der Branche mit exklusiven Informationen und hochrangigen Interviewpartnern punkten.“

Wer beispielsweise die Berichterstattung über den Führungswechsel in der SPD-Spitze in ihrer einseitigen Parteilichkeit zugunsten des Finanzministers Olaf Scholz und seinem unbeirrten Festhalten an einer Fiskalpolitik der Schwarzen Null verfolgt hat, der wird erkennen, dass Krugmans Ruf bei der obersten Führungsetage der GroKo unerhört bleiben wird. Statt den Empfehlungen zu folgen, beweist die redundant-infantile, fast hypnotische, angeblich alternativlose Einführung einer CO²-Steuer (was haben eigentlich die umstrittenen CO²-Zertifikate gebracht?), wie und vor allem zu wessen Lasten der Klima“wandel“ geregelt werden soll. Gewiss: Es wird in diesem Zusammenhang häufig der Frame „sozialverträglich“ postuliert. Aber wer die menschenverachtenden Rechentricks bei der Berechnung der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) als die entscheidende Grundlage für die manipulative Berechnung der Hartz IV Regelsätze kennt, der muss befürchten, dass auch bei der sozialverträglichen Einführung der CO²-Steuer sozialdarwinistisch zu Lasten der Ärmsten gerechnet werden wird. Medienpolitisch tabuisiert (Schweigekartell) wird in diesem Kontext auch die Nicht-Diskussion um eine Luxus-Steuer: Wer es wagt, mit einer Steuer auf Luxuswohnungen, den Fuhrpark oder die Luxusyachten den Lifestyle der High-Potenzials zu hinterfragen, der wird hier zu Lande unter den Generalverdacht gestellt, doch nur eine sogenannte „Neid-Debatte“ los treten zu wollen.1 Dabei wären Verteilungsspielräume in Anbetracht von wachsenden Einkommensunterschieden in Deutschland nicht nur vorhanden, sondern deren offensive Nutzung Hörenauch für große Teile der Bevölkerung von Vorteil, wie ein Multi-Millionär in der dlf-Sendung „Campus & Karriere“ am 12. Oktober 2019 (O-Ton 5:00 Min.) beeindruckend simpel darstellte. Doch zu diesen radikalem Modell einer Umverteilung von oben nach unten wird es nicht kommen, weil nicht nur in Deutschland das „Peter-Prinzip“ gilt: Ob Politik, Wirtschaft, Medien – Kompetenz ist kein verlässlicher Indikator, um in Führungsposition zu gelangen. Nur eine Behauptung? Dann gleichen Sie Ihre eigenen, persönlichen Erfahrungen ab mit dem herausragendem Hörspiel nach dem Sachbuch „Das Peter-Prinzip oder die Hierarchie der Unfähigen“ von Laurence J. Peter und Raymond Hull. Wer in diesem Hörspiel etwas über Konformisten und Autokraten, die Folgen einer Stabsversetzung oder die geräuschlose Sublimierung und den modernen paternalistischen Zugang zu Führungspositionen in Erfahrung bringen möchte, der beginnt zu verstehen, warum die Unfähigkeit regiert. Natürlich geht es bei den entscheidungsbeteiligten Führungskräften weniger um ihre Befähigung als um eine hochgradig professionelle Verweigerungs- und Blockadehaltung gegenüber den zentralen Herausforderungen des Klimanotstands und des erodierten Sozialstaates. Wer von Unfähigkeit ausgeht, die gewiss auch nicht selten vorkommt, der unterschätzt die Gefahr, die von einer mit Vorsatz und von langer Hand vorbereiteten Politik des Sozialabbaus ausgeht.

Vor diesem Hintergrund ist auch fraglich, ob die konsequente Umsetzung von Krugmans Empfehlungen tatsächlich positive Auswirkungen hätten, denn: Entscheidungsträger wie Olaf Scholz wären gewiss nicht motiviert, eine Politik, die der eigenen Überzeugung widerspricht, effizient umzusetzen. Das Gegenteil wäre zu erwarten. Nicht nur er würde diesen Vorschlag torpedieren und das Versagen dann dem größeren Koalitionspartner anlasten, sondern auch zahlreiche andere Apparatschiks würden unter Einbindung externer „Expertise“ dazu beitragen, das Ziel zu verwässern. Beispielhaft sei hier auf das Talk-Format „Unter den Linden“ vom 13. Januar 2020 verwiesen. Friedrich Merz (CDU) und Prof. Marcel Fratzscher von Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung diskutierten über die Finanzierung der zukünftigen Herausforderungen, wobei Bierdeckel-Experte Merz in alt-bekannter Weise auf die Notwendigkeit des Bürokratieabbaus verwies, während Fraztscher betonte, dass gerade der in den letzten Jahrzehnten betriebene Personalabbau in der Bürokratie („Verschlankung“) dazu führe, dass Genehmigungsverfahren nicht schnell und zügig bearbeitet werden können.

Den Unwilligen und Blockierern zur Seite steht ein Heer von Beratern und Schönsprech-Experten, die dann vielversprechende, vollmundige Begriffe ins Feld führen, die dann ins Gegenteil verkehrt werden. So halten dann im Praxistest diese Slogans und Frames nicht das, was sie ursprünglich versprachen: Ob „Mietpreisbremse“ oder „Mietendeckel“ oder die Pervertierung der „Finanzmarkttransaktionssteuer“ durch Olaf Scholz oder das Berliner Modell eines „solidarischen Grundeinkommens“: Gute Ideen werden zu inhaltsleeren Worthülsen degradiert! Dabei wäre es so einfach gewesen, beispielsweise hätte bei der Mietpreisbremse ein gesetzlich verbindliches Verfahren Smiley staunverabschiedet werden können, dass den Vermieter verpflichtet, automatisch in jedem Mietvertrag die Höhe der Miete des Vormieters in ein standardisiertes Formularfeld einzutragen. Statt dessen wird es dem neuen Mieter aufgebürdet, bittstellerisch beim Vermieter die Miethöhe des Vormieters zu erfragen. Wenn DAS der viel zitierte „Kompromiss“ ist, dann steht dieser stellvertretend für all die vielen faulen Kompromisse, mit denen nicht nur die SPD ihren Vertrauensvorschuss bei den Wählern unwiderruflich verspielt. Das wachsende Lager der Enttäuschten wendet sich dann entweder ab in das Lager der Nichtwähler oder wendet sich den rechtsradikalen Parteien und Organisationen zu.

Wer glaubt, dass der Ernst der Lage den Verantwortlichen nicht bewusst ist, der irrt. Zum einen wird die Produktion von politikverdrossenen, besser: angewiderten Nichtwählern, mit Vorsatz produziert, denn wie die Studie von Prof. Armin Schäfer zu Responsivitätsforschung unmissverständlich aufzeigt, haben die Ausgeschlossenen keine Chance auf Berücksichtigung ihrer Interessen im politischen Entscheidungsprozess2. Auch die Personalpolitik beweist, dass diejenigen, die durch ihre Politik des Sozialabbaus zum Niedergang der Partei entscheidend beigetragen haben, nicht abgestraft werden und im politischen Niemandsland verschwinden, sondern durch eine Förderung der Karriere sogar noch von einer behaupteten „Erneuerung“ ihren narzistisch-egomanen Profit schlagen – wie der Aufstieg von Heiko Maas zum Außenminister oder die Karriere von Katarina Barley (SPD) von der Ministerin für Justiz und Verbraucherschutz zur Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments beweisen3.

Das „Peter-Prinzip“ weniger der Unfähigen sondern der Unwilligen lässt freilich nicht nur auf nationaler Ebene „grüßen“, sondern wird auch von Experten auf der internationaler Ebene gepflegt und gehegt! Das Resultat ist dann oft ein Verwirrspiel, beispielhaft dargestellt an völlig unterschiedliche Zahlen über die Handelsbilanz Chinas:

Anteil des chinesischen Exports am Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2000 …laut Weltbank, in Prozent 9,19
laut Internationalem Währungsfonds, in Prozent 20,58
laut National Bureau of Economic Research, in Prozent 33,32


Wenn dann der verstorbene schwedische Statistiker und Gesundheitsexperte Hans Rosling für sich in Anspruch nahm, die Wahrheit über die Welt unter Rückgriff auf solch „genehmen“ Datensätze 30_bomb_80x80erkennen und im Buch
„Factfulness“ präsentieren zu wollen, dann ging es weniger darum – wie von ihm behauptet – „Daten als Therapie“, „als Quelle inneren Friedens“ zu präsentieren, und auch nicht darum „zu lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ (Untertitel), sondern den Globalisierungsskeptikern Happy Pills zu verabreichen und durch Grafiken die Zukunft schön zu malen. In Zeiten allgemeiner Verunsicherung stellen derartig publizistische Versuche, die Welt mit Hilfe statistischer Rechentricks unter Einsatz grafischer Verfahren schön zu malen, eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar, etablierte Strukturen der Entscheidungsfindung in ihrem Status Quo zu belassen und Wünsche nach mehr Transparenz und Beteiligung im Keim zu ersticken. Dass ausgerechnet Matthias Horx, mehr Optimismusverkünder als Zukunftsforscher, sich bei Markus Lanz als Urheber des Buchtitels „Factfulness“ und Unterstützer seines Freundes Hans Rosling zu erkennen gab, unterstreicht die Vorbehalte, die gegenüber derartigen publizistischen Schönfärberein zu sichern sind4!

Dem Versuch von Rosling, „Daten als Therapie“ einzusetzen und hierbei auf internationale Datenbanken der Weltbank, der WHO und anderen Gremien zurückzugreifen und diese grafisch zu visualisieren, mag selbst als allgemeine Referenz nicht überzeugen, denn wie der Sozialpsychologe Smiley Buch +aniHarald Welzer bereits in seinem lesenwerten Buch „Klimakriege“ am Beispiel der Auseinandersetzung um die Klimastudie des IPCC (Weltklimarat) betonte, agieren auch diese internationalen Organisationen mit ihren Gremien und Arbeitsgruppen keineswegs im interessenpolitischem Niemandsland5.

Und der Journalist Thomas Kruchem betont nicht nur den Einfluss von Konzernen auf die WHO und auf NGO’s wie die Welthungerhilfe, OXFAM und andere, sondern stellt deren strukturelle Abhängigkeit von deren Geldmitteln heraus. Die WHO beispielsweise bestreitet nur 20 Prozent ihrer Aufgaben aus Mitgliedsbeiträgen der Länder und ist auf zweckgebundene Großspenden angewiesen:

Und ein Blick auf die Liste der Geber zeigt: Der Pharma-Konzern Glaxo-Smith-Kline zum Beispiel hat der WHO 2015 freiwillig mehr Geld gegeben als das WHO-Mitglied Deutschland. Und der größte Geber, neben der US-Regierung, ist die Bill und Melinda Gates-Stiftung mit ihrem Vermögen von weit über 40 Milliarden Euro.“6

In der Regel holt die Realität dann die Wohlfühl-Propagandisten ein und zwingt dann zu mehr Realismus. So wundert es nicht, dass der Weltklimarat seine Prognosen korrigieren muss. In der Berichterstattung spiegeln sich zumindest im herrschenden Sprachgebrauch diese Korrekturen nicht wieder: So wird beispielsweise in den Ausrufungszeiichendeutschsprachigen Leitmedien immer noch der „sanft und passiv“ klingende Begriff des Klima“wandels“ bevorzugt, statt sich zum Sprachbild bzw. Frame der Klimakrise oder des Klimanotstands durchzuringen7/ 8. Die elementare Bedeutung von Sprachbildern für unsere alltägliche Wahrnehmungs- und Verhaltenspräferenzen hat die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling in ihrem Buch „Politisches Framing“ überzeugend und beeindruckend aufgezeigt.

Eine nüchterne Skepsis ist auch für die 20er Jahre dieses Jahrhunderts stärker als zuvor erforderlich. Rechtspopulistische und rechtsextremistische Positionierungen durchdringen immer stärker die Korridore der Meinungsindustrie. Im Rahmen des Agenda-Settings werden durch die thematische Priorisierung Schwerpunkte auf internationale Themen wie das zum Scheitern verurteilte Amtsenthebungsverfahren von Donald Trump gesetzt, statt eine öffentliche Diskussion um Themen zu führen, die den Menschen am Herzen liegen und für ihren Alltag eine hohe Bedeutung haben. Und wenn dann diese Themen dann diskutiert werden, dann werden Problemlösungen ins Feld geführt, die vor allem die Interessen der High Potenzials nicht einmal im Ansatz berühren, geschweige denn in Frage zu stellen wagen.

1Liegegebühr für eine 55-Meter-Jacht pro Tag im Jahr 2019, in Euro

  • im Hafen der spanischen Stadt Marbella: 4289

  • im Hafen der französischen Stadt Saint-Tropez: 2211

  • im Jachthafen des Ostseebads Boltenhagen: 138

https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/komplexitaet/die-welt-in-zahlen

2 Diese mit Vorsatz herbeigeführte Politikverdrossenheit, die dann zum Ausschluss von fast einem Drittel der Wahlberechtigten führt, könnte mit der Einführung einer Wahlpflicht begegnet werden. Auf einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Titel „Der Nichtwähler – das unbekannte Wesen“ führten zwei Professoren aus Oldenburg überzeugend dar, dass in Ländern mit Wahlpflicht die Einkommenskluft geringer ausfällt. Der Erklärungsansatz war äußerst simpel und einfach: In Ländern mit Wahlpflicht sind alle Parteien gezwungen, sich um die Interessen aller Wähler zu kümmern, während in Ländern ohne Wahlpflicht die Interessen der Nichtwähler gefahrlos ignoriert werden können. Auf der anschließenden Podiumsdiskussion konnte ich Frau Barley, die damals als Generalsekretärin fungierte, mit der Forderung nach der Einführung der Wahlpflicht konfrontieren. Ihre zynische Antwort lautete, ich könne ja versuchen, in Berlin ein Volksentscheid zur Einführung der Wahlpflicht initiieren – wohlwissend, dass ein Volksentscheid mit einer Verpflichtung wenig Aussicht auf Erfolg hat. Es war mit vergönnt mit einem Gegenvorschlag zu kontern: Erfolgversprechender wäre gewiss, auf dem Weg der direkten Demokratie die Stimmen der Bürger und Wähler für ein Koppelungsmodell zu gewinnen: Fällt die Wahlbeteilgung hoch aus, gibt es die vollständigen Diäten. Fällt die Wahlbeteiligung gering aus, werden die Diäten entsprechend und einschneidend gekürzt.

3 nachdem Barley sich mit der angeblichen „Verschärfung“ der Mietpreisbremse geschmückt hat.

5 Harald Welzer verwies im Zusammenhang mit der Diskussion um die Klimastudie darauf, dass die Berichte des Intergovernemental Panel on Climate Change (IPCC) vor ihrer Veröffentlichung „einen pluralistischen politischen Debattenfilter durchlaufen haben, an dessen Ende nichts Übertriebenes mehr herauskommen kann. In solchen Aus­handlungsprozessen geht es, wie man weiß, nicht um wissenschaftliche Wahrheit, sondern um Interessen – also etwa darum, welche Verpflichtungen welcher Befund für welches Land nach sich ziehen könnte. Was am Ende eines politischen Einigungsprozesses dieser Art herauskommt, der einige der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Rand der Selbstverleugnung gebracht hat, ist die denkbar konservativste Einschätzung überhaupt. Da es den politischen Akteuren um die präventive Abwehr von Pflichten und die Vermeidung von Handlungszwängen geht, die aus den Analysen resultieren könnten, ist das Ergebnis am Limit des Unbezweifelbaren orientiert, insofern äußerst unspekulativ“ (Welzer, Klimakriege, S. 53).

6 So Thomas Kruchem in dem SWR-Eassy „Hilfsorganisationen am Tropf der Konzerne?“ ausgestrahlt am 5. September 2016. Das Manuskript finden Interessierte unter https://www.swr.de/-/id=17857046/property=download/nid=660374/u16jpa/swr2-wissen-20160905.pdf

7 „Wir wollen sicherstellen, dass wir wissenschaftlich präzise sind und zugleich klar mit unserer Leserschaft über dieses sehr wichtige Thema kommunizieren“, zitiert das Blatt [das britische Nachrichtenmagazin „The Observer“] seine Chefredakteurin, Katharine Viner. „Der Ausdruck ‚Klimawandel‘ zum Beispiel klingt ziemlich passiv und sanft, während das, worüber die Wissenschaft spricht, eine Katastrophe für die Menschheit ist.“ Statt von „Klimawandel“ wolle der Verlag,Smiley staun zu dem auch die Sonntagszeitung The Observer gehört, künftig von „Klima-Notstand“ sprechen, von „Klimakrise“ oder „Klima-Zusammenbruch“. Aus: „Erderhitzung“ statt „Erderwärmung“, „Wissenschaftsleugner“ statt „Klimaskeptiker“.

8 / Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat 179 Gesellschafter, ausschließlich Medienunternehmen wie Verlage und Rundfunkanstalten. Sie beziehen von der Agentur Texte zum Abdruck oder zur redaktionellen Verwendung – die dpa liefert Ausrufungszeiichendaher Orientierung für den gesamten deutschen Journalismus. … In einem internen Regelwerk namens „Sprach-Kompass“ legt die Agentur fest, welche Begriffe ihre Journalistinnen und Journalisten für welches Phänomen benutzen sollen – und welche nicht. ‚Überfremdung‘ zum Beispiel, ein propagandistischer Kampfbegriff von Rechtspopulisten und -extremisten, ist in dpa-Texten tabu. „Wir diskutieren derzeit intern Begrifflichkeiten der Klima-Berichterstattung“, so eine dpa-Sprecherin , ein Ergebnis gebe es noch nicht. „Nur so viel schon jetzt: Den Begriff ‚Erderhitzung‘ benutzen wir bereits hin und wieder. .“ aus: ‚Klimawandel‘ oder ‚Klimakrise‘ – was sind angemessene Begriffe bei der Klima-Berichterstattung?

 

„Solidarisches“ Grundeinkommen: 36 Mill. jährlich für 250 Berliner Erwerbslose? Schön wär’s

„Solidarisches“ Grundeinkommen für 250 Berliner Erwerbslose kostet jährlich 36 Millionen Euro

Der Berliner Senat lässt sich sein Projekt, das unter dem irreführenden Namen des solidarischen Grundeinkommens jetzt für 250 betroffene Erwerbslose eingeführt wird, etwas kosten: Jährlich werden 36 Mill. Euro bereitgestellt. Freilich sehen von diesem Batzen Geld die Betroffenen nur einige Krümmel. Wenn jährlich 36 Millionen Euro (O-Ton Interview Deutschlandradio Kultur 1. Juli 2019 – Link zum vollständigen Interview) für die Integration von 250 Betroffene in den Niedriglohn bereitgestellt werden, dann werden pro Person 144.000 € jährlich, gleich 12.000 Euro monatlich, veranschlagt. Bei den Beschäftigten kommt nur ein Bruchteil an. Bei einem Mindestlohn in Berlin von 10,49 Euro erhalten die „solidarisch“ Arbeitenden im Monat unter den Bedingungen einer 39-Stunden-Woche einen monatlichen Bruttolohn von 1841 Euro. Da stellt sich dann zwangsläufig die Frage, in welche Taschen die restlichen 10.159 Euro jeden Monat „solidarisch“ fließen?

Thomas Rudek

Mietenvolksbegehren und nicht gezogene Lehren aus dem Wasser-Volksentscheid

Und noch ein weiteres Indiz, das es beim Mieten-Volksbegehren nur um eines geht: Aufmerksamkeit zu erregen: In dem oben zitierten Beschluss des Volksbegehrens „wird der Senat aufgefordert zur Erarbeitung eines Gesetzes“. Nach dem Gesetz über Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid (AbstG) ist das Berliner Abgeordnetenhaus aufgefordert, zu entscheiden, ob es das Anliegen des Volksbegehrens inhaltlich im wesentlichen übernimmt. Daher stellt sich auch die verfahrenstechnisch relevante Frage, warum die Initiatoren nicht gleich das Abgeordnetenhaus – auch als den „obersten Souverän“ der repräsentativen Demokratie – aufgefordert haben, ein Gesetz zu erarbeiten? Die Antwort ist einfach: Der Senat kann seine geheime Hinterzimmerpolitik fortsetzen und dabei vor allem für eines „sorgen“: Dass die private Wohnungswirtschaft auch weiterhin ihren Schnitt macht. Denn eines haben wir aus der Rekommunalisierung der Berliner Wasserbetriebe gelernt:

Auch ein rot-roter Senat hat nichts unternommen, um sich für eine kostengünstige Rekommunalisierung der Wasserbetriebe einzusetzen. Im Gegenteil: Der Forderung nach dem ersten erfolgreichen Volksentscheid in Berlin, die offengelegten Teilprivatisierungsverträge dem Berliner Verfassungsgericht zur Prüfung vorzulegen, haben sich Senat und das Abgeordnetenhaus vehement widersetzt. Und so wundert es nicht, dass die Wasserbetriebe nicht kostengünstig sondern „investorenfreundlich“ rekommunalisiert worden sind. Da ist es schon ein schlechter Witz, wenn der Fraktionsvorsitzende der LINKEn auf einer Veranstaltung tönt, er mache sich um die Finanzierung keine Sorgen und in diesem Kontext auch noch auf die Wasserbetriebe verweist (O-Ton Udo Wolf 2:44 Min)!

Warum sollte der Senat nicht ähnliche Rahmenbedingungen auch beim Mietendeckel vereinbart haben? Übrigens hat der Geschäftsführer der Deutschen Wohnen auf einer Veranstaltung der Berliner Morgenpost durchblicken lassen, dass auch auf Bundesebene ähnliche Vereinbarungen geschlossen worden sind, die einen Enteignungsversuch zum Scheitern verurteilen (O-Ton Zahn 2:04 Min.).

persönliche Anmerkung: Leider sind die hörenswerten Tonmittschnitte von schlechter Tonqualität. Aber wer mit dem Winamp-Player arbeitet, kann mit dem Equilizer die hohen Frequenzen auf das Maximum einstellen und die tiefen Basssequenzen absenken. Dann sind die Ausführungen gut verständlich.

Nach der Europa-Wahl: Alles nur Klima ohne Führer?

Nach der Europa-Wahl: Alles nur Klima ohne Führer?
Über Probeabstimmungen, politische Genickbrüche, manipulative Wahlergebnisse, verspielte Kernkompetenzen und das ungestrafte Versagen der SPD-Spitzenkandidatin Katarina Barley 

von Thomas Rudek (1. Update)

Wer die Diskussion nach der Europa-Wahl in den Massenmedien aufmerksam verfolgt, dem wird die thematische Redundanz auffallen: Die Programmatik wird eingedampft auf das Schlagwort der Klimapolitik, während ansonsten die Diskussion um Köpfe, genauer und besser: um Führung geführt wird. Und selbst bei dieser Ausrichtung geht es nicht um die Spitzenkandidaten der Parteien, sondern um die Führer der „Volksparteien“. Will man jedoch den Erosionsprozess der Demokratie in Deutschland, Österreich und vielen anderen Ländern der EU zugunsten eines autoritär-totalitären Systemwechsels in seiner zukünftigen Trag- und Reichweite verstehen, dann ist im folgenden auch die Steuerungsfunktion der Massenmedien zu beleuchten.

Will man die größten Stimmenverluste, die in Deutschland die SPD erzielt hat, verstehen, dann hilft ein Blick zurück: Bei der Diskussion um Digitalisierung, Rationalisierung und Automatisierung werden die zu erwartenden Strukturumbrüche und Gestaltungsoptionen (Arbeitszeitverkürzung, Umverteilung) in der Regel nicht diskutiert, sondern ausgeblendet, wenn nicht gar tabuisiert. Entscheidend ist, dass Hartz IV der erste Einschnitt war, mit dem nicht nur die damaligen Regierungsparteien (SPD und Grüne) unter der Führerschaft von Gerhard Schröder die Voraussetzungen zur Errichtung eines wachsenden Niedriglohnsektor als integralen Bestandteil einer digitalisierten Volkswirtschaft realisiert haben. Auch die CDU/CSU hat durch ihre aktive Mitwirkung im Bundesrat maßgeblich zu diesem „Umbau“ beigetragen. Die Stimmenverluste der sogenannten „Volksparteien“ sind ein Ausdruck des allzu leichtfertig verspielten Vertrauens. Diese Entwicklung wird noch verschärft durch die aktuellen Versuche – allen voran die SPD !!! -, die Öffentlichkeit für dumm zu verkaufen und in die Irre zu führen: Mit der Umetikettierung von Hartz IV ins „Bürgergeld“ ist es genauso wenig getan, wie mit der Einführung einer ausgebremsten „Mietpreisbremse“ (unter der Verantwortung von Heiko Maas) oder der Pervertierung der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens in ein „solidarisches Grundeinkommen“ (Vollzeitbeschäftigung zum Niedriglohn) durch den gegenwärtigen Berliner Bürgermeister Michael Müller. Wie wenig der SPD an einer glaubhaften Erneuerung gelegen ist, beweist nicht nur der programmatische Stillstand, sondern auch der personalpolitische Klüngel, das Postengeschachere, das eingeschworene Festhalten an den ewig Gestrigen und Strippenziehern der Hartz-IV-“Agenda“ wie Olaf Scholz, Katarina Barley, Hubertus Heil und anderen. Um diese Kontinuität zu unterstreichen wurde auch auf jenem außerordentlichen Parteitag der SPD am 25. Juni 2017, als die Spezialdemokratie ihren Spitzenkandidaten Martin Schulz feierte, nicht davor zurückgeschreckt, ausgerechnet Ex-Kanzler und den „Boss der Bosse“ Gerhard Schröder als Eröffnungsredner zu Wort kommen zu lassen.

Die Bevölkerung versteht solche symbolischen Botschaften richtig und bewertet sie als Ausdruck eines unbedingten, unbelehrbaren Festhaltens am Sozialabbau, der mit Vorsatz betrieben worden ist und auch weiter betrieben wird, was am Beispiel der Mietenpolitik auch deutlich wird: Oder wie lässt es sich erklären, dass diese „Profis“ einerseits die gesetzlichen Rahmenbedingungen für einen Niedriglohnsektor mit Brachialgewalt durchgesetzt, und sie andererseits die preiswerten Wohnungsbestände im wahrsten Sinne des Wortes „abgebaut“, verhökert und privatisiert haben? Von Scheinverfahren wie dem gewollt-gescheiterten Parteiausschlussverfahren gegenüber dem Extremisten Thilo Sarrazin ganz zu schweigen.

Flankiert wird diese Politik durch die Leitmedien, was sich am Beispiel der medialen Hinrichtung von Andrea Nahles für jedermann belegen lässt. Die von nahezu allen Leitmedien, genauer von allen Chefredakteuren verbreitete, ungeprüfte Behauptung, Andrea Nahles hätte Probeabstimmungen nicht überstanden, wurde nie bestätigt, aber wenn eine Lüge erst einmal im veröffentlichten Raum die Runde macht und in der Verbreitung die Eigendynamik eines Shitstorms erreicht, dann entsteht ein irreparabler Schaden, der mit Vorsatz kalkuliert war und Andrea Nahles keine Alternative ließ1. Gleichzeitig halten die Redakteure ihre schützende Hand über Katarina Barley, die als SPD Spitzenkandidatin dieses desaströse und schlechteste Ergebnis der SPD bei einer EU-Wahl zu verantworten hat (kein Wunder, ist die von ihr zu verantwortende „Verbesserung“ der Mietpreisbremse ein schlechter Witz). Und auch das Versagen in der ursprünglichen Kernkompetenz der SPD, dem Themenfeld der sozialen Gerechtigkeit, wird nach der Europa-Wahl im ANALytischen Geschwätz natürlich nicht thematisiert. Statt dessen wird in monokausaler, totalitärer Fokussierung zum einen die veröffentlichte Meinung auf die Klimapolitik ausgerichtet, besser eingeschworen und zum anderen in alt-bekannter Führermanier über Personen diskutiert – nach dem Motto: welcher Führer soll Deutschland anführen?

Verschärft wird dieser Aspekt in der Berichterstattung auch durch das bizarre Festhalten am Bild der „Volksparteien“. Die hochgradig manipulative Darstellung in allen Medien orientiert sich bei der Darstellung der Wahlergebnisse lediglich an der Verteilung der abgegebenen Wählerstimmen – nicht jedoch an der Zahl aller Wahlberechtigten! Die immer größer werdende Gruppe von Nichtwählern, die sich offensichtlich nicht mehr von der Scheindemokratie angesprochen fühlen, werden unter den Teppich der Ignoranz gekehrt. Vor dem Hintergrund zahlreicher gesetzlicher Verpflichtungen wie der Meldepflicht, der Schulpflicht über diverse Pflichten zur Abführung von Abgaben und Gebühren bis hin zur Gurtpflicht (und früher der Wehrpflicht), stellt sich die Frage, warum zum Fundament einer gelebten Demokratie keine Wahlpflicht gehört. Die Antwort ist einfach: Damit all die sogenannten Bildungsverlierer, die nach Studien von Prof. Arnim Schäfer zu einem großen Teil die Gruppe der Nichtwähler ausmachen, besser abgeschrieben werden können. Entsprechend wundert es auch nicht, dass in den Ländern mit Wahlpflicht die Kluft zwischen reich und arm nicht so weit auseinander klafft, wie in Ländern ohne Wahlpflicht.2 Die Erklärung ist einfach: In Ländern mit Wahlpflicht sind alle Parteien gezwungen, sich um alle Wähler zu bemühen und ihre Interessen auch im Gesetzgebungsverfahren zu berücksichtigen.

Die Wahlpflicht ist kein Heilmittel für alle Probleme der Demokratie – sie sorgt lediglich dafür, dass die Wahlbeteiligung in allen Bevölkerungsgruppen hoch ist. Damit zwingt sie die etablierten Parteien, Angebote an alle Wahlberechtigten zu formulieren. Gleichzeitig erhöht sie die Chancen für neugegründete Parteien… In Deutschland findet eine Wahlpflicht weder in der Öffentlichkeit noch in der Politik viel Unterstützung. Das wird im günstigen Fall dazu führen, dass die Parteien bei anhaltend niedriger Wahlbeteiligung über allenfalls kosmetische Reformen nachdenken werden. Diese werden jedoch kaum dazu beitragen, den Verlust politischer Gleichheit auszugleichen“ (Wahlbeteiligung: Demokratie – Mehr oder weniger von Professor Dr. Armin Schäfer, aus der FAZ vom 16.12.2015)

Wer sich mit den Studien und Ergebnissen zur Responsivitätsforschung beschäftigt, der wird zwangsläufig zu der Schlussfolgerung gelangen, dass Nichtwähler vor allem unter „bildungsfernen“ Bevölkerungskreisen nicht nur billigend in Kauf genommen werden, sondern die Herstellung von einer wachsenden Zahl von Nichtwählern mit kalkuliertem Vorsatz regelrecht angestrebt wird!3 Die politische Elite verspricht sich davon einerseits einen Entlastungseffekt, muss sie sich um diese Zielgruppe nicht weiter kümmern und den Eindruck erwecken, sie würde deren Interessen im politischen Entscheidungsprozess berücksichtigen. Man bleibt unter seinesgleichen, jener Mitte, zu der nur diejenigen gehören, die was auf der hohen Kante haben! Wer sich derart elitär in seinen Wahrnehmungsmustern und Präferenzen eingerichtet hat, der konzentriert sich im Kampf um die Wählerstimmen der Mitte darauf, die knappen Haushaltsmittel und anderer Ressourcen zugunsten der Gruppen zu verteilen, denen man sich besonders verbunden und verpflichtet fühlt. Wie sehr Vorsatz bei der Produktion von politischem Desinteresse und Politikverdrossenheit im Spiel ist, beweist eine kürzlich vorgestellte Studie zur politischen Bildung im Schulsystem. Unter dem provokanten Titel „Wer hat, dem wird gegeben“ wurde vom „Netzwerk Bildung“ ermittelt, dass an Gymnasien politische Bildung umfangreicher und umfassender vermittelt wird als an anderen Schulen wie Realschulen und Berufsschulen.

Wie sehr dieser elitär-selektive, machtzentrierte Ansatz einer klientelistischen Beziehung mit den Zielgruppen der Besserverdienenden – getarnt als Mitte – selbst die politische Ökonomie der Parteienfinanzierung außer Kraft setzt, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Parteien von einer Wahlpflicht ökonomisch profitieren würden, denn schließlich ist die Erstattung der Wahlkampfkosten an die Zahl der gewonnenen Stimmen gekoppelt. Statt mit der Wahlpflicht die Rahmenbedingungen für eine Maximierung der zu erwartenden Einnahmen zu verbessern, bevorzugen die Parteistrategen die Ausgrenzung der Nichtwähler und damit die Verweigerung, die Interessen dieser Zielgruppe zu vertreten.
Ob eine außerparlamentarische Initiative Abhilfe schaffen könnte, die sich für die Koppelung der Diäten an die Höhe der Wahlbeteiligung einsetzt? Mit einer derartigen dynamischen Diätenanpassung bzw. Koppelung an die Höhe der Wahlbeteiligung hätten wir auch für unsere Volksvertreter ein leistungsabhängiges Finanzierungsmodell gewonnen.

Die nachrangige Behandlung der Wahlbeteiligung und ihre manipulative Ausblendung bei den Berechnungen der Prozentverteilung von Wählerstimmen auf die Parteien ist auch demokratietheoretisch ein elementares Legitimationsproblem. In einem Vortrag bezeichnet der Politikwissenschaftler Prof. Manfred G. Schmidt die Wahlbeteiligung als das „Fieberthermometer der Demokratie“ – und bezugnehmend auf die Wahlbeteiligung der EU bezeichnete er den Zustand des Patienten „Europäisches Parlament“ als „hochkomatiös“.

Gegen die Einführung einer Wahlpflicht wird stets lakonisch das Scheinargument ins Feld geführt, dass es gerade zu den Errungenschaften einer freiheitlichen Demokratie gehöre, nicht zu wählen. Diese Alternative besteht auch bei der Wahlpflicht, denn jeder Wähler und jede Wählerin verfügt über die Möglichkeit, einen „weißen“ Wahlzettel in die Wahlurne zu werfen, also von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch zu machen. Diese Möglichkeit hat der leider schon verstorbene portugiesische Schriftsteller, Sozialist und Träger des Literaturnobelpreises Jose Saramago beeindruckend in seinem Roman „Die Stadt der Sehenden“ geschrieben.

Und wie ernst es um die Lage der europäischen Demokratie tatsächlich bestellt ist, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Wahlbeteiligung lediglich knapp über 50% lag – trotz einer enormen Mobilmachung über die Massenmedien und trotz rechtskonservativer und rechtsradikaler Parteien als zum Teil neue Akteure. Ist das ein Grund zum feiern und zum jubeln? Nahezu die Hälfte der Wahlberechtigten haben sich an der Europa-Wahl nicht beteiligt!!!
Besonders dramatisch ist die Lage in osteuropäischen Ländern. In diesem Zusammenhang muss auf die Ergebnisse der neuen Autoritarismusforschung des „Vereins zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeitgeschichte“ verwiesen werden, die Prof. Oliver Rathkolb in der Beilage „aus politik und zeitgeschichte“ zusammengefasst hat und die belegen, dass die demokratischen Einstellungshaltungen in den Bevölkerungen – freundlich formuliert – einer hohen Anfälligkeit unterliegen bzw. nicht selten kaum vorhanden sind. Von diesem Erosionsprozess sind keinesfalls nur die sogenannten „Bildungsverlierer“ betroffen, sondern auch Studenten, vor allem in jenen naturwissenschaftlichen Disziplinen, aus denen die Führungskräfte von morgen hervorgehen, besser: rekrutiert werden. Das belegen mehrere Studien, die vom „Verein zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeitgeschichte“ an Universitäten in Österreich durchgeführt wurden. Auf die hochaktuelle Studie zur politischen Bildung an Schulen in Deutschland wurde bereits oben verwiesen.

Auch dieser Erosionsprozess demokratischer Einstellungen fällt nicht vom Himmel, sondern wird maßgeblich gesteuert von den Massenmedien. Die Bedeutung von sprachlichen Gedankenbildern, sogenannter „Frames“, ist im Zusammenhang mit der Publikation „Politisches Framing“ von der Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling an anderer Stelle herausgestellt worden. Mit dem neuen Begriff „Rechtspopulismus“ verharmlosen die Leitmedien zum einen das Erstarken rechtsradikaler und rechtsextremistischer Einstellungshaltungen, wie der Schriftsteller Robert Menasse kürzlich in einem Interview (O-Ton Menasse 01:29) betont hat. Zum anderen wird mit dem Begriff des „Rechtspopulismus“ eine Abgrenzung gegenüber Parteien wie der AfD und der Pegida-Bewegung suggeriert, wodurch gleichzeitig dem Erstarken rechtskonservativer Parteien, die gerne der Mitte zugeordnet werden, der Weg geebnet wird.

Dabei sind gerade Parteien der bürgerlichen Mitte und ihre prominenten Führer keinesfalls frei von autoritär-elitären und rassistischen Einstellungshaltungen. Erst jüngst entdeckte der Historiker Andreas Kahrs von der Humboldt-Universität Berlin im Rahmen eines Dissertationsprojekt zu deutsch-südafrikanischen Netzwerken während der Apartheid Dokumente der Königsteiner PR-Agentur Hennenhofer, die aufzeigen, wie eng und vielfältig die Kooperation zwischen Politikern (CDU und FDP), den Medien und dem Apartheidregime in Südafrika bis weit in die 80er Jahre ausfiel, um die „weiße Vorherrschaft“ in Südafrika zu sichern.

Und auch für die mangelnde Bereitschaft an der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit des deutschen Reiches lassen sich Beispiele zuhauf finden: Angefangen von der Torpedierung der Arbeiten des Staatsanwalt Fritz Bauer bin hin zu den Problemen, im Jahr 2000 geeignete Räumlichkeiten für die Ausstellung „Aktion 3 – Deutsche Nachbarn verwerten jüdisches Eigentum“ zu finden.4 Bezeichnend sind auch die Anstrengungen der Friedrich-Ebert-Stiftung, durch ihre „Mitte-Studien“ die antidemokratischen Einstellungshaltungen in der Bevölkerung zu thematisieren, statt die Aufmerksamkeit auf die Einstellungshaltungen der elitären Führungskräfte in Politik, Medien, Wirtschaft und Justiz auszurichten.5 Ablenkung ist immer schon als ein probates Mittel rechtsautoritärer Regime zum Einsatz gelangt.

Dabei zeigen gerade exemplarisch die Ausschnitte aus dem Ibiza-Video, das die Regierungskoalition in Österreich zwischen der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) zu Fall gebracht hat, wie wichtig es ist, die reaktionären und faschistoiden Einstellungshaltungen von Führungskräften in den Fokus zu nehmen, statt immer nur die „Wutbürger“ an den Pranger zu stellen. Auch bei dieser Affäre um HC Strache spielt die parteiliche Rolle der Medien eine zentrale Rolle: Obwohl österreichischen Medien das vor mehr als 2 Jahren gedrehte, mehrstündige Skandal-Video bereits vor einem Jahr angeboten wurde, gab es von Seiten der Redaktionen kein Interesse. Und selbst als sich in Deutschland die Redaktionen des Spiegel und der Süddeutschen Zeitung entschieden, das Strache-Video auf seine Verwertbarkeit zu prüfen, so ist von dem mehrstündigen Film-Material der Öffentlichkeit nur wenige Minuten vorgeführt worden. Der Universalkünstler Andre Heller forderte in einem Interview in Kulturzeit (3Sat), das Material nicht nur in andere Sprachen zu übersetzen, sondern es auch in voller Länge an Schulen und Universitäten zu zeigen und eine Diskussion anzustoßen, um aufzuzeigen, wie Rechtsradikale wirklich denken. Statt diese Anregung eines international anerkannten österreichischen Künstlers für einen offensiven Umgang mit dem Strache-Video aufzugreifen, wird die Öffentlichkeit bevormundet und mit wenigen Minuten abgespeist. Ein Indiz für eine bestimmte politische Nähe zwischen Chefredaktionen und ParteiEN einer bestimmten Couleur / Programmatik / Ideologie?

Ein anderes Beispiel verdeutlicht, was gemeint ist. Kehren wir zu Andrea Nahles medialer Hinrichtung zurück. Am 6.3. diesen Jahres war Andrea Nahles in der Talkshow von Markus Lanz gemeinsam mit dem Journalisten Markus Feldenkirchen, dem Sozialpsychologen Prof. Harald Welzer und dem Mediziner und Naturheilkundler Andreas Michalsen zu Gast. Markus Lanz konfrontierte Andrea Nahles mit der Kritik von Gerhard Schröder, der in einem Spiegel-Interview in der üblichen egomanen Selbstgefälligkeit betonte, wie wichtig es sei, dass ein Kanzlerkandidat über ökonomische Kompetenz verfüge. Befragt, ob Nahles über diese Kompetenz verfüge, antwortete Schröder: „Ich glaube, das würde nicht mal sie selbst von sich behaupten.“ Die völlig unangemessene Vorgehensweise von Markus Lanz spricht für sich und soll hier nicht näher erörtert werden. Und auch die immer wieder propagierte, angebliche Wirtschaftskompetenz von Schröder ist von anderen eingehend untersucht und substanziell widerlegt worden! Was an diesem Beispiel exemplarisch verdeutlicht werden soll, ist die unterschwellige Häme und Aggressivität im Umgang vor allem mit Politikern, die im weitesten Sinne im linken Spektrum verortet werden können6. Oder ist Ihnen auch nur ein einziges Interview bekannt, in dem Angelika Merkel derart vorgeführt und der Lächerlichkeit preis gegeben wurde? Und selbst wenn jetzt am Rand des braunen Sumpfes HC Strache und andere seiner Gefolgsleute lediglich kurzfristig an den Pranger gestellt werden, so wird der gesinnungsnahe Sebastian Kurz auch weiter hofiert, erhält Sendezeit und gewinnt auch nach dem Mißtrauensvotum genügend öffentlichen Raum, um aus der nächsten Wahl als strahlender Sieger hervorzugehen (zur Gesinnungshaltung beeindruckend der österreichische Schriftsteller Robert Menasse (O-Ton Menasse 1:45 Min.)).

Besonders deutlich tritt die rechtslastige Parteilichkeit der (Leit)Medien zu tage, wenn es um Fragen von Bündnissen und Koalitionen geht. Selbst wenn auf Bundesebene die Möglichkeit bestanden hat, eine Mehrheit durch eine Beteiligung der Linksfraktion zu erhalten, so wurde diese demokratische Option medial durch eine entsprechende No-Go-Stimmungskampagnen zu nichte gemacht. Mit dabei handverlesene Experten, deren Sachverstand vor allem eines vermissen ließ: demokratische, verfassungs- und sozialrechtliche Expertise. Vor diesem Sachverhalt abgesehen, hatten sie auch – soweit sie kein Mitglied einer Partei waren – keine demokratische Legitimation.

Bleiben wir noch bei der rechtslastigen Parteilichkeit der Leitmedien: Nach dem verständlichen und nachvollziehbaren, durch die Medien nahezu erzwungenen Rückzug (angebliche Probeabstimmung) von Andrea Nahles wird jetzt erneut das reaktionär-faschistoide Führerbild personalisiert und dramatisiert, indem der SPD-Führer-Etage ein personeller Notstand unterstellt wird – so jüngst in der Maischberger-Sendung „SPD am Boden, CDU unter Druck: Ist die Regierung am Ende?“ vom 5.6.2019, u.a. mit den Führer-“Experten“ für manipulative Meinungsmache Hans-Ulrich Jörges (Stern) und Jan Fleischhauer (Spiegel). Keinen Deut besser die Diskussion am gleichen Tag im Deutschlandfunk „Zukunft der SPD – ganz unten oder steht sie wieder auf?“.7 Besonders hervorzuheben ist auch an dieser Stelle die eine rot-rote Regierung ablehnende Positionierung der taz-Redakteurin und Publizistin Ulrike Herrmann in einem Interview des Deutschlandradios am 8. 6.19 (O-Ton Herrmann 2:04 Min.), die bemängelt, dass es im linken Spektrum keinen „Führer mit Charisma“ gäbe…

Dass dieses Thema ein medialer Selbstläufer ist, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es die Medien selbst sind, die entweder immer wieder dieselben alten, ausgedienten Parteifunktionäre einladen und es ansonsten bei einer kleinen Zahl von aktuellen Polit-Persönlichkeiten belassen, die das mediale Gesinnungs-Casting überstanden haben und ins propagandistisch eng abgesteckte Meinungsprofil passen. Diese Fokussierung ganz bewusst auf wenige medial genehme Auserwählte zu richten, um dann – quasi einen Atemzug später – ein Führer-Problem zu konstruieren, zeigt die strukturelle Verantwortung jener Strippenzieher, die in den Chefredaktionen die öffentliche Meinung nach rechts lenken. Die Etikettierungen sprechen für sich selbst: Bei den Einen sind es die Rechtspopulisten, bei den anderen gibt es keine Führungskräfte mit „Charisma“ (siehe bze. höre Ulrike Herrmann) und die LINKEN haben ja ohnehin weder Wirtschafts- noch Führungskompetenz. Bei dieser ungebrochenen Dominanz eines kleinen Personenkarussells fällt dann auch die inhaltliche Darstellung von Themen, Problemen und Problemlösungen ganz bewusst kleinlich-kleinkariert aus, was sich am Beispiel der Mietpreisbremse veranschaulichen lässt. Ganz in der Tradition jener Schröderischen Agenda der Eigenverantwortung werden die Schwächsten im Vertragsverhältnis, die Mieter, in die Verantwortung genommen, um den Vermieter bittstellerisch zu ersuchen, die Höhe des Vormieters offen zu legen. Erfolgt dann die Antwort, so sah die ursprüngliche Mietpreisbremse von Heiko Maas nicht einmal vor, den Vermieter – im Fall einer zu hoch veranschlagten Miete – zu verpflichten, den Fehlbetrag rückwirkend zum Termin des Einzugs bzw. Vertragsabschlusses umgehend zu korrigieren. Als dann der Karrierist Heiko Maas für dieses Komplettversagen mit dem Posten des Außenministers belohnt wurde, verkündigte seine nicht weniger karriereorientierte Nachfolgerin Katarina Barley frohlockend, triumphierend und mit glänzenden Augen, sie hätte jetzt diesen Fehler korrigiert. An dem schwachsinnigen Prinzip der Eigenverantwortung (Mieter als Fragesteller) wurde freilich nicht gerüttelt. Und im Rahmen der Kumpanei zwischen den Chefideologen der Bewusstseinsindustrie, der Wohnungswirtschaft und dem kleinen Kreis von auserwählten Politikern wurde peinlich genau darauf geachtet, in der Bevölkerung keine schlafenden Hunde zu wecken, z.B. durch die interventionistische Frage, ob es nicht viel einfacher und wirkungsvoller wäre, jeden Vermieter gesetzlich zu verpflichten, in jedem Mietvertrag die Höhe des Vormieters offenzulegen.

Oder nehmen wir das Thema Klima“wandel“ und die unterbelichtete Diskussion um eine Stärkung der e-Mobilität als Königsweg für den Individualverkehr? Fast erscheint es so, als ob die Verantwortlichen in ihrem Erkenntnishorizont den Grundsatz vertreten: Wenn der Strom aus der Steckdose kommt und der Diesel nicht aus der Zapfsäule fließt, dann sei schon viel gewonnen! Kürzlich referierte Harald Lesch über die Digitale Diktatur und thematisierte den Unterschied im Stromverbrauch in Deutschland, China und Indien. Auch wenn Prof. Lesch in den Vergleichszahlen ein Irrtum unterlaufen ist (125 kWh pro Kopf und Tag in DL, 40 kWh in China und 20 kWh in Indien), so zeigt der in seiner Tendenz zutreffende Vergleich doch den Richtwert, um den es gehen muss: Es geht primär um den Stromverbrauch und dessen Begrenzung. Lesch brachte es auf den Punkt: Wenn China und Indien sich unserem Stromverbrauch nähern, dann können noch so viele Windkrafträder gebaut werden – die regenerativen Energien werden diesen Appetit nicht decken können… Und auch an der Umlagefinanzierung der energetischen Gebäudesanierung zu Lasten der Mieter wird festgehalten, statt dieses Finanzierungsmodell durch ein steuerliches Abschreibemodell vollständig zu ersetzen, wie das von uns Wasserbürgern in Kooperation mit der Interessengemeinschaft „Faire Mieten für ALLE“ schon mehrmals gefordert worden ist.

Sowohl die redundante Ökonomisierung der Klimapolitik durch das Geschäftsmodell mit CO2-Zertifikaten oder durch die Einführung einer „sozial gerechten“ CO2-Steuer bringt weniger die Hilflosigkeit im Umgang mit der wichtigsten Herausforderung der Zukunft zum Ausdruck als die Irrwege und Talfahrten, auf die die Bevölkerung geschickt wird. Wie wenig der Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten eine Rolle in der Jagd um Einfaltquoten zählt, wird deutlich, wer die Tagesprogramme analysiert. Als der beste umweltpolitische Dokumentarfilm – eine 3 Millionen teure skandinavische Produktion – „Unser Planet“ in der ARD am 2. Januar 2008 ausgestrahlt wurde, schuld die Uhr kurz vor Mitternacht.

Oft wird in diesen Tage das verloren gegangene Vertrauen nicht nur in die Politik, sondern auch in die Leitmedien beklagt. Vertrauen ist eine Kategorie, die nicht als Vorschuß billig zu haben ist, sondern die immer wieder aufs neue erarbeitet und hergestellt werden muss.

Zurückkommend auf die Wahl und die Berichterstattung wäre schon viel gewonnen, wenn sich wenigstens die Journalisten und Medienverantwortlichen darauf verständigen, bei der Vorstellung der Wahlergebnisse die Zahl aller Wahlberechtigten als die eigentliche demokratische Bezugsgröße anzuerkennen. Möglicherweise würden dann die Volksvertreter ihre Arbeit nicht nur mit mehr Demut und Bescheidenheit verrichten und erkennen, dass einerseits der Weg zu real existierenden Volksparteien nur über eine Wahlpflicht führen kann und andererseits auch jenseits der Parteiendemokratie andere Formen der Bürgerbeteiligung auf gleicher Augenhöhe gefunden werden sollten. Die Aussichten, dass es hierzu kommen wird, setzt jedoch bei der Führungselite eine Bereitschaft, Kritik anzunehmen und lernen zu wollen, voraus, die bisher auch beim besten Willen nicht zu erkennen ist. Und wenn der Publizist und Überzeugungstäter Wolfram Weimer im osterreichischen TV-Format „Talk im Hangar 7“ am 6.6.2019 überzeugt verkündet, dass er sich für Deutschland einen Bundeskanzler Sebastian Kurz wünscht, dann ist das eine unmissverständliche Steilvorlage für den Anschluss.

 

1Nachdem Andrea Nahles ihren Rücktritt bekannt gegeben hat, waren bezeichnenderweise bei den Sendern des Deutschlandradios die Hinweise auf Redebeiträge zu den angeblichen Probeabstimmungen nicht mehr auffindbar!
2So zwei Professoren aus Oldenburg in einem Workshop, der im Rahmen einer Tageskonferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema „Der Nichtwähler – Das unbekannte Wesen“ unmittelbar nach der vorletzten Bremen-Wahl in Berlin stattfand.
3Unter dem Titel „Systematisch verzerrte Entscheidungen? Die Responsivität der deutschen Politik von 1998 bis 2015“ war der Bericht auch Bestandteil des letzten Reichtums- und Armutsbericht. Nachdem das Bundeskanzleramt diesen Bericht zunächst nicht veröffentlichen wollte, sorgte die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles dafür, dass der Bericht auf der Homepage ihres Ministerium publiziert wurde. Es bleibt abzuwarten, ob dieser wichtige Forschungsansatz auch im nächsten Reichtums- und Armutsbericht weiter fortgeführt wird, oder ob die Bertelsmann-Stiftung beauftragt wird, entsprechend gefärbtes Material einzubringen.
4Siehe hierzu den Artikel aus der ND vom 23.6.2000 (!!!) „Schuldig war auch die nette Oma von nebenan“
5So die jüngste Studie „Verlorene Mitte – Feindselige Zustände“
6 Leider haben nicht alle „Linken“ das Vermögen von Sarah Wagenknecht auf konfrontative Unverschämtheiten entsprechend adäquat und souverän zu reagieren.
7Übrigens wurde in keiner diese beiden Sendungen die Frage nach den Hintergründen der angeblichen Probeabstimmung gestellt. Auf wen ist diese Behauptung zurück zu führen und vor allem, welcher leitender Chefredakteur hat die Veröffentlichung genehmigt und dadurch den politischen Genickbruch von Andrea Nahles zu verantworten?