Note 6 – Warum die außerparlamentarische Kritik „Berliner Polit-Stammtische“ an den Senatsplänen zur Änderung direktdemokratischer Beteiligungsmöglichkeiten ungenügend ist.

Volksentscheid retten? – Von wegen: Die Scheinkritik läuft ins Leere

Note 6 – Warum die außerparlamentarische Kritik „Berliner Polit-Stammtische“ an den Senatsplänen zur Änderung direktdemokratischer Beteiligungsmöglichkeiten ungenügend ist

In den letzten Tagen werden unter der Überschrift „EILIG: Aufruf Volksentscheid retten“ über verschiedene Listen Mails verschickt, die gegen das Vorhaben des Berliner Senats zur Neuregelung von Volksbegehren und Volksentscheiden gerichtet sind. Allerdings sind die Forderungen völlig ungenügend. Schlimmer: SIe laufen ins Leere. Statt den Vorstoß des Berliner Senats und die bisher gängige Praxis von groß angelegten, aus Steuermitteln finanzierten Anti-Kampagnen mit wirkungsvollen Forderungen ins Visier zu nehmen, wird den Adressaten mit inhaltsleeren Forderungen und falschen Behauptungen vorgegaukelt, dass es den Initiatoren darum ging, die direkte Demokratie zu stärken. Das Gegenteil ist der Fall.

Es wird behauptet:

„Der Senat will künftig seine Öffentlichkeitsarbeit gegen Volksbegehren und Volksentscheide aus Steuermitteln finanzieren. Für die InitiatorInnen von Volksentscheiden hingegen würde es in Berlin auch künftig keinerlei öffentliche Kostenerstattung geben. In anderen Bundesländern ist das möglich.
Das Ungleichgewicht zwischen Bevölkerung und Regierung muss verringert statt verstärkt werden.“

An dieser Praxis ist nichts neu: Der Senat hat all seine Kampagnen gegen Volksbegehren und Volksentscheide aus Steuermitteln finanziert. So wurden beispielsweise für die  Projekt-GmbH, die der Senat für die Entwicklung des Tempelhofer Feldes einsetzte, jährlich eine Million Euro veranschlagt. An dieser Praxis ist somit nichts neu. Zur Kostenerstattung: Diese wird auch nur in wenigen anderen Bundesländern nachträglich (!) erstattet, aber nur, wenn der Volksentscheid erfolgreich war. Es erschließt sich folglich nicht, warum eine nachträgliche Kostenerstattung das „Ungleichgewicht zwischen Bevölkerung und Regierung“ verringern sollte.

Wichtiger wäre die rückhaltlose Transparenz der Ausgaben des Senats gegen Volksbegehren und Volksentscheide wie ein materielles Ausgleichs-, besser: Begrenzungsverfahren zu fordern, das den Senat zwingt, nicht mehr Gelder auszugeben als die Initiatoren eines Volksbegehrens. Das wäre natürlich auch eine geeignete Systemvorgabe zur Herstellung einer materiellen Waffengleichheit zwischen der repräsentativen und der direkten Demokratie. Gleichzeitig böte sich mit einem solchen Verfahren auch die Chance, mit wenig Geld politisch im Rahmen der dirketen Demokratie etwas zu bewegen, wie das beim Wasser-Volksbegehren gelungen war!

Weiter wird behauptet:

„Zukünftig soll schon eine einzelne unleserliche Angabe oder auch ein abgekürzter Straßenname zur Ungültigkeit der Unterschrift führen – auch wenn die unterschreibende Person eindeutig erkennbar ist. Das erhöht die Zahl ungültiger Unterschriften völlig unnötig, denn Missbrauch hat es nicht gegeben. Für die Berlinerinnen  und Berliner wird es dadurch noch schwerer, ihre Anliegen zum Volksentscheid zu bringen.“

Dieses Vorhaben des Senats ist nachvollziehbar, denn schließlich bringen die Bürger dieser Stadt mit ihrer persönlichen Unterschrift ein Gesetz auf den Weg. Daher sind hier hohe Anforderungen an die Unterschrift und die vollständigen, leserlichen Angaben des Volksgesetzgebers zu leisten. Viel wichtiger wäre es in diesem Zusammenhang, dass die Wahlleiterin Forderungen der Initiatoren an Layout und Gestaltung der Unterschriftsbögen widerspruchslos umzusetzen hat. Beim Wasser-Volksentscheid wollten wir beispielsweise größere Zeilenabstände bei den Unterschriftslisten, die das handschriftliche Ausfüllen erleichtern.

Und schließlich zum 3. Punkt:

„Gleichzeitig soll im Eilverfahren das Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes ausgehebelt werden, das 740.000 Berlinerinnen und Berliner per Volksentscheid beschlossen haben.“

Und auch hier gilt der Grundsatz, dass jedes Gesetz novelliert werden kann und auch Plebiszite bzw. Volksgesetze nicht auf ewig in Stein gemetzelt sind. Allerdings wäre im Rahmen einer verfassungsrechtlichen Überprüfung darzulegen, ob  es nicht geboten erscheint, höhere Anforderungen an den parlamentarischen Gesetzgeber zu stellen, wenn dieser ein Volksgesetz im Rahmen des parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren verändern will. Zu denken wäre als ultimative Mindestforderung, dass ein parlamentarischer Änderungsgesetz mindestens auch einer erneuten Volksabstimmung zugeführt werden muss. Auch hier muss bei der Zusendung der Abstimmungsunterlagen den ursprünglichen Initiatoren des Volksentscheids die Möglichkeit einer schriftlichen Stellungnahme eingeräumt werden.
Auch wäre daran zu denken, dass für die Abänderung eines Volksgesetzes mindestens im Parlament eine 2/3 Mehrheit erforderlich ist.

Eine entsprechende glaubwürdige und vor allem konsequente Antwort auf das Vorhaben des Senats wäre der Start eines neuen Volksgesetzes zum Schutz der direkten Demokratie, in dem – wie unter Punkt 3 dargelegt – die Hürden für Parlament und Regierung entsprechend hoch angesetzt werden, wenn diese Einrichtungen Volksentscheide durch parlamentarische Gesetze aushebeln wollen. Ein solches neues Volksgesetz wäre vom Umfang überschaubar und durchaus vergleichbar mit dem kurzen Volksgesetz zur Offenlegung der geheimen Teilprivatisierungsverträge bei den Berliner Wasserbetrieben.

Mit diesem Dokument stelle ich ERSTMALS folgende Vorschläge vor:

Entwurf eines neuen
Volksgesetzes zum Schutz von Volksentscheiden

  1. Änderungen an Volksgesetzen durch das Abgeordnetenhaus von Berlin erfordern a) eine 2/3 Mehrheit im Abgeordnetenhaus und müssen b) einer erneuten Volksabstimmung zugeführt werden.
  2. Senat, Abgeordnetenhaus und landeseigene Unternehmen bzw. Tochtergesellschaften müssen ihre Ausgaben und Kosten transparent und übersichtlich zeitnah veröffentlichen. Die Höhe der öffentlichen Ausgaben darf die Ausgaben des ursprünglichen Volksentscheids nicht überschreiten. Die Summe der veranschlagten öffentlichen Ausgaben ist den Vertrauenspersonen des ursprünglichen Volksentscheids zur Verfügung zu stellen, damit diese die Kosten für die Öffentlichkeitsarbeit der neuen Volksabstimmung finanzieren können.
  3. Den Vertrauenspersonen des ursprünglichen Volksentscheids ist bei den Wahlunterlagen für den neuen Volksentscheid (Änderungsgesetz) genauso viel Raum für eine Stellungnahme einzuräumen wie dem Abgeordnetenhaus und dem Senat.

Eine Begründung dieses neues Volksgesetzes kann beim Urheber des Gesetzestextes, Thomas Rudek, jederzeit angefordert werden (Kontaktdaten s.u.)

Thomas Rudek (Verfasser und Sprecher des ersten erfolgreichen Volksentscheids in Berlin)

Rüchfragen bitte an Thomas Rudek unter 030 / 2613389 oder 01578 / 5926189 oder an die Juristin Sabine Finkenthei unter 030 / 6930842.

Was die Pressefreiheit heute kostet: Journalistin erhebt Klage gegen den BND auf Aktenzugang

Unabhängige Journalistin klagt erneut vor dem Bundesverwaltungsgericht gegen den BND auf Aktenzugang

Mehrere Gerichtsverfahren hat die Journalistin Gaby Weber bereits ins Rollen gebracht. Zurzeit läuft ein Verfahren beim Bundesverfassungsgericht gegen das Bundesarchiv wegen Untätigkeit und ein weiteres beim Verwaltungsgericht Köln auf Akteneinsicht gegenüber dem Bundesamt für Verfassungsschutz. Sowohl bei diesen beiden laufenden Verfahren wie bei dem neuen Verfahren beim Verwaltungsgericht auf Aktenzugang beim BND geht es keineswegs um Anliegen, die einen Aktualitätsbezug aufweisen. Es geht um die Aufarbeitung der deutschen Geschichte – und auch hier wird von Amtswegen gemauert, und das obwohl nach dem Bundesarchivgesetz eigentlich das Aktenmaterial, das Gaby Weber einsehen möchte, offen gelegt werden müsste.

Gaby Weber pendelt zwischen Berlin und Buenos Aires. Ein Lebensschwerpunkt ihrer journalistischen Arbeit ist darauf ausgerichtet, Licht ins Dunkel der deutschen Nachkriegsgeschichte zu bringen, indem sie auch dem Werdegang deutscher Kriegsverbrecher wie Adolf Eichmann nachspürte, aber auch die Rolle und Verantwortung deutscher Unternehmen wie Mercedes in Argentinien aufdeckt. Ihren Recherchen und Dokumentationen ist es zu verdanken, dass beispielsweise durch erklagten Aktenzugang entscheidende Informationen zum Fall der „Entdeckung“ von Eichmann ans Tageslicht gekommen sind – Tatsachen, die von jüngeren Spielfilmen mit Dokumentarcharakter wie „Hannah Arendt“ oder den Film über den Staatsanwalt Fritz  Bauer „Im Labyrinth des Schweigens“ unberücksichtigt geblieben sind. Als besonders schwerwiegend muss die Falschinszenierung der Eichmann-Legende in dem Dokudrama des NDR “Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod” bezeichnet werden, was Gaby Weber in ihren jüngsten, auf Youtube eingestellten Medienanalyse DESINFORMATION – Ein Lehrstück über die erwünschte Geschichte“ herausarbeitet.

Auch wenn immer weniger Zeitzeugen zur Verfügung stehen, so beweisen die Arbeiten von Gaby Weber, dass die Aufarbeitung der deutschen Nachkriegsgeschichte in den Geheim-Archiven weitergeführt und veröffentlicht werden muss. Über diese besonderen Erschwernisse eines investigativen, unabhängigen Journalismus sprach Thomas Rudek mit Gaby Weber.

Rudek: Wie oft haben Sie bereits in Deutschland bereits den Rechtsweg beschreiten müssen, und Klage auf Akteneinsicht einreichen müssen? Und wie hoch fielen Ihre bisherigen Kosten aus, um Zugang zu historisch relevanten Informationen zu erhalten?

Weber: Die Klage, die ich 2008 gegen den BND wegen Akteneinsicht bezüglich Adolf Eichmann einreichte, war die Erste dieser Art. Die Anwälte, die mich vertreten haben, haben entweder gar kein Honorar verlangt oder ein Honorar, das mal gerade eben ihre Kopierkosten deckte. Aber das funktionierte nur, weil das ein Präzedenzfall war, der die sehr engagierten Anwälte selbst gereizt hat. Ich hatte natürlich die Gerichtskosten zu bezahlen und die Zeit, die ich selbst hineingesteckt habe. Vielleicht, über den Daumen, 10.000 Euro, aber wie gesagt, ein „normaler“ Fall einer Klage auf Akteneinsicht wäre viel teurer. Die Kosten für die BND-Eichmann-Akten habe ich selbst getragen. Das war mir nicht mehr möglich, als ich gegen das Bundesarchiv geklagt habe, da fielen an Gerichtskosten, gegnerischen Anwalt und meinen eigenen an die 8000 Euro an. Das kam sehr schnell zusammen, als Fefe in seinem Blog zu Spenden aufrief. Die Leute sind sehr solidarisch, wenn sie sehen, dass wirklich etwas passiert.

Rudek: Worum geht es bei der jetzigen Klage, die Ihr Anwalt Raphael Thomas beim Bundesverwaltungsgericht Leipzig eingereicht hat und wie hoch schätzen Sie Ihr persönliches Kostenrisiko?

Weber: Es geht jetzt um Einsicht in die Akten der Residenz des BND während der Militärdiktatur in Argentinien, als dort tausende Menschen gefoltert und ermordet wurden, auch zahlreiche Deutsche und Deutschstämmige. Der BND bestreitet nicht die Existenz – einen winzigen Teil konnte ich bereits in Pullach einsehen – meint aber, er als Geheimdienst dürfe solche Sachen nicht herausgeben, weil er auch seine Quellen schützen müsse. aber darum geht es gar nicht: natürlich kann der BND die Namen seiner Zuträger schwärzen, das muss er sogar, aber es geht hier um einen ganzen geschichtlichen Abschnitt und um einen Völkermord. Im Raum steht auch der Verdacht, dass der BND – und auch das BfV, das ich schon letztes Jahr auf Akteneinsicht verklagt habe – sich mitschuldig an diesen Morden gemacht haben. Zu den Kosten: Wenn wir alles zusammenrechnen, also Gerichtskosten, Kopierkosten, Anwaltskosten, Reisekosten etc. – werden sicher weit über 10.000 Euro zusammenkommen.

Rudek: Nach dem Bundesarchivgesetz müsste das von Ihnen angeforderte Aktenmaterial offengelegt werden. Mit welchen Tricks entziehen sich BND und BfV der Offenlegungspflicht?

Weber: Das BfV sagt: wir finden in unserem Archiv keine Akten oder Dokumente zu Argentinien! Oder mit anderen Worten: Das BfV-Archiv muss offensichtlich ein Saustall sein. Deshalb haben wir ja in Köln eine Inaugenscheinnahme des Archivs des Verfassungsschutzes beantragt. Beim BND ist es anders: Dort liegen ja, schön geordnet, die Berichte, Vermerke und Dokumente des damaligen Residenten, der mit Diplomatenstatus in der Deutschen Botschaft von Buenos Aires saß und engste Kontakte zu den argentinischen Geheimdiensten unterhielt, also zu den Folterern und Mörder, von denen wenigstens einige derzeit im Knast sitzen.

Rudek: Für unabhängige und freie Journalisten ist der Klageweg und das damit verbundene Kostenrisiko extrem hoch. Welche Vorschläge haben Sie, das Risiko zu minimieren?

Weber: Ich denke, dass inzwischen das Bewusstsein in der digitalen Gemeinde sehr gewachsen ist. Der CCC hat mich in sein Camp eingeladen und meinen Film „Desinformation“ gezeigt. Da haben wir auch über die anhängigen Prozesse geredet. Netzpolitik.org ist verfolgt worden und wird mir sicher bei den Prozessen helfen. Amnesty International werde ich ansprechen, die finden das sicher gut! Leider sind die politischen Parteien wenig aufgeschlossen. Auch von meinen Berufsverbänden und Historikern könnte mehr Unterstützung kommen.

Rudek: Gewiss sind die zivilgesellschaftliche Organisationen und Foren gute Verbreiterungsplattformen, aber können diese Organisationen auch Mittel in der von Ihnen genannten Organisationen auch eintreiben? Oder anders gefragt: Steht ein Journalist, der nicht über ausreichende Rücklagen verfügt, um Kosten für einen zeitintensiven Rechtsweg über alle Instanzen auslegen zu können, nicht von vornherein auf verlorenem Posten?

Weber: Hier muss gewiss einiges passieren, um recherchierenden Journalisten und Historikern zu helfen, nicht nur finanziell sondern auch politisch und publizistisch. Von den großen Medienbetrieben erwarte ich gar nichts, da die sich mit Verlautbarungen zufrieden geben, meine Bemühungen hat die ARD nicht nur nicht unterstützt sondern sogar noch behindert, indem sie sogar Geheimdienstmaterial veröffentlicht haben während sie gleichzeitig wussten, dass es nicht der Wahrheit entspricht – nachzusehen im Film „Desinformation“. Ich bin mir sicher, dass bei der digitalen Gemeinde, die sich ja über Spenden nicht beklagen kann, das Bewusstsein und die Bereitschaft, zu helfen, vorhanden ist.

Rudek: In Ihrem jüngsten auf youtube eingestellten Film „Desinformation – ein Lehrstück über die gewünschte Geschichte“ geht es erneut um die Inszenierung der Enttarnung von Eichmann, die in anderen zahlreichen Spielfilmen mit dokumentarischem Anspruch, selbst in dem preisgekrönten Spielfilm über Hannah Arendt, nachweislich von einer falschen Faktenlage ausgeht. Auch in diesem Kontext haben Sie sich den Zugang zu als geheim klassifizierten Dokumenten gerichtlich erklagen müssen, und dennoch sind Sie als historische Beraterin bei den Dokumentarfilmen nicht konsultiert worden und die programmverantwortlichen Redakteure des öffentlich-rechtlichen Fernsehens weigern sich, ihre Filme auszustrahlen. Wie erklären sie sich, dass sie als eine der wenigen Journalisten, deren Recherchen auf geheim gehaltenes Aktenmaterial basiert, so ein schweres Standing haben?

Weber: Weil es leider in Deutschland keine Tradition des investigativen Journalismus gibt. Diese Recherchen sind teuer und die Sender, die vor Geld strotzen, tendieren zunehmend zur Hofberichterstattung. Viele von den wenigen Redakteuren, die sich dort noch solchen Themen angenommen hatten, gehen jetzt in den Ruhestand. Und das Aufnehmen kritischer Themen, die der herrschenden Berichterstattung widersprechen, fördert nicht die eigene Karriere. Dafür braucht man Rückgrat.

Rudek: Sollte es eine institutionalisierte „Wahrheitskommission“ geben, die Dokumentarfilme und Spielfilme mit dokumentarischem Anspruch vor ihrer Veröffentlichung auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft?

Weber: Zumindest sollte es in den Häusern ARD und ZDF einen Ansprechpartner geben, der ernste Vorwürfe prüft und diese auch öffentlich dokumentiert. Die Leute lesen immer weniger Bücher, da kommt eine ganz neue Verantwortung auf Fernsehen und Filmemacher zu.  Was im Moment passiert, ist schrecklich: Sie bringen nachweislich falsches Zeug, Geheimdienst-Enten und sitzen die Kritik einfach aus. Der NDR hat sich bis heute nicht entschuldigt und den Sachverhalt richtiggestellt. Das hat mit Journalismus, geschweige denn mit gutem Journalismus, nichts mehr zu tun.

Rudek: Vielen Dank für das Gespräch.

Berlin, d. 7.9.2015

Fragen auch SIE Sigmar Gabriel und andere Spitzenfunktionäre auf öffentlichen Veranstaltungen wie dem Tag der offenen Tür der Bundesminsterien zu TTIP und der Demokratie: Referenden zu völkerrechtlichen Verträgen (wie TTIP, TISA etc.) in der Hälfte der EU-Staaten grundsätzlich möglich!

Sigmar Gabriels Versuche, sein demokratisches Profil in neuem Glanz erscheinen zu lassen und genehme Vorstandsbeschlüsse posthum durch das Parteivolk absegnen zu lassen, bildeten sowohl für die Wasserbürger als auch für IG „Demokratie, Bürgerbeteiligung und Transparenz“ die diesjährige Steilvorlage für den Tag der offenen Tür in den Bundesministerien. Im Bundespressehaus erhalten Bürger einmal im Jahr die Möglichkeit im Rahmen von Bundespressekonferenzen in die Rolle jener auserwählten und zugelassenen Journalisten zu schlüpfen, um Regierungsvertretern Fragen zu stellen. Leider stellen sich nicht alle Minister diesem Bürgerdialog und leider kommen auch nicht alle Bürger zu Wort, was an den langen, oft ausufernden Antworten der befragten Politiker liegt. Wir (eine Gruppe von vier Personen) hatten die Hoffnung, Sigmar Gabriel auf eine politisch korrekte Art zum Freihandelsabkommen öffentlich befragen zu können. Leider ist uns das Wort auf der gestrigen PK nicht erteilt worden, doch vielleicht haben Sie bei anderen Gelegenheiten die Möglichkeit, Sigmar Gabriel um die Beantwortung folgender Frage zu bitten:

„Sehr geehrter Herr Gabriel, so ehren- und bewundernswert ihre Versuche zu bewerten sind, parteiinterne Prozesse in der SPD durch eine stärkere Einbindung aller Parteimitglieder zu demokratisieren, so vermissen viele Menschen entsprechende Demokratisierungs-Vorstöße der SPD-Spitzenfunktionäre gegenüber der EU-Kommission. Im Zusammenhang mit den TTIP-Verhandlungen ist von dem renommierten Institut für Völkerrecht in Köln eine Studie in Auftrag gegeben worden, die zu dem Ergebnis kommt, dass in der Hälfte aller Mitgliedstaaten Referenden, also Volksabstimmungen, über die Zustimmung zu völkerrechtlichen Verträgen wie den TTIP- oder tisa-Verträgen grundsätzlich möglich sind! In vielen Ländern der EU wie Dänemark, Frankreich und Österreich können die Parlamente und Regierungen die Durchführungen solcher Referenden veranlassen. Gerade vor dem Hintergrund, dass die TTIP-Verträge langfristig wirken und nahezu alle Lebensbereiche durchdringen, jedoch die Verhandlungsverantwortlichen nur ein demokratisches Mandat für eine Legislaturperiode haben, wäre es da nicht zwingend erforderlich, dass auch Sie alles in Ihrer Macht stehende unternehmen, um einen Referendumsvorbehalt für völkerrechtliche Verträge zur Chefsache zu erheben? Schließlich könnten Sie durch diese stärkere demokratische Einbeziehung der Bevölkerung auch verloren gegangenes Vertrauen wieder zurück gewinnen! Können Sie auch in Erfahrung bringen, ob möglicherweise bereits mit jenen Ländern, in denen Referenden möglich sind, Entscheidungen getroffen worden sind, dieses Beteiligungsinstrument des Referendums nicht einzusetzen? Und würden Sie, wenn Ihnen solche Vereinbarungen bekannt sind, diese auch der Öffentlichkeit mitteilen?“

Thomas Rudek
(Tel. 030 / 261 33 89 oder ThRudek@gmx.de)

 

 

 

Die große Desillusionierung oder Beruhigungspillen für die Empörten: Thilo Bode und die Freihandelslüge oder unterwegs im Auftrag des Bertelsmann-Konzerns

Über das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP ist viel geschrieben, diskutiert und getalkt worden. Auch bertelsmann bode pelzigwurden die Wissenschaften bemüht, um Prognosen über Gefahren und Chancen gegeneinander abzuwägen. Wenn Gefahren am Horizont der empörten Gesellschaft heraufziehen, reagiert die Unterhaltungsindustrie und sucht nach Marketingstrategien, um aus der Empörung ein Geschäft zu machen. Doch es geht um mehr als nur um klingende Kassen für den Buchhandel und die mediale Unterhaltungsindustrie. Es geht um die Verabreichung von wirksamen Beruhigungspillen für die empörte Gesellschaft. Es geht um De-Eskalation, darum schlimmeres zu verhindern, darum die Energien der Wutbürger so zu kanalisieren, dass sie letztendlich unbemerkt verpuffen, kurz: Es geht um neoliberales Krisenmanagement in Zeitalter empörter „Wutbürger“. Die Empörten müssen geleitet und geführt werden, und zwar so, dass der Protestzug der Empörten auf einem Abstellgleis landet. Die neoliberale Rezeptur des Protestmanagements ist einfach: Zunächst wird eine Figur des öffentlichen Lebens auserwählt, die aufgrund ihrer Reputation innerhalb des Bürgerprotests akzeptiert und anerkannt ist. Dann wird ein Buch geschrieben, in dem in analytischer Professionalität das Bekannte zusammengetragen wird. Angereichert mit analytischen Details muss vor allem dem Handlungs- und Aktionsbedürfnis der aufgebrachten Leser entsprochen werden. Und genau hier ist die Gratwanderung, denn das Handlungs- und Aktionsbedürfnis darf nicht aus dem Ruder laufen, sondern muss in systemkonformen Bahnen kanalisiert werden. Wenn all das gewährleistet ist, schlägt die Stunde des Marketing: Medienauftritte, Radiobesprechungen und Lesungen werden organisiert. Exakt diese Rezeptur wurde im Fall des Buchs „Die Freihandelslüge“ von Thilo Bode zur Anwendung gebracht. Als ehemaliger Geschäftsführer von Greenpeace und Gründer von Foodwatch e.V. genießt er im links-alternativen Milieu nicht nur Ansehen, sondern verfügt auch über das notwendige Wissen, wie Proteste „zu managen“ sind. Für den Global-Player, den Bertelsmann-Konzern, offensichtlich genau die richtigen Voraussetzungen, um an Thilo Bode die Idee einer weiteren Publikation zum Thema TTIP heranzutragen. Es ist dem Kabarettisten Frank-Markus Barwasser in seiner Rolle als Erwin Pelzig zu danken, dass er in seiner Talkshow am 14.7.2015 Thilo Bode mit der Frage konfrontierte, warum sein Buch ausgerechnet von der zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Deutschen Verlags-Anstalt verlegt worden sei. Bode zeigte sich überraschte und äußerte, dass ihm das nicht bekannt sei. Aus „Pelzigs“ Nachfrage, ob er das Buch mit diesem Wissen hätte woanders verlegen lassen, verneinte Bode und ergänzte begründend, weil der Verlag diese Idee hatte bzw. auf ihn zugekommen sei. Ob deshalb die Handlungsempfehlungen für das empörte Bildungsbürgertum in dem Buch so dürftig ausfallen? Thilo Bode will, dass die Bürger sich mit einem Brief an die Abgeordneten ihres Wahlkreises richten, um so ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Ja, Sie haben richtig gelesen: Eine Brief-Aktion soll weniger TTIP, als den Protest (hin)richten. Dass gerade der ehemalige Geschäftsführer von Greenpeace jetzt die Hoffnung auf eine Brief-Aktion richtet, ist entlarvend. Zumal Sigmar Gabriel als Parteivorsitzender der SPD durch einen offenen Brief an die Basis gezeigt hat, wie Proteste beispielsweise gegen die geheimen Schiedsgerichtsverfahren mit fadenscheinigen Absichtserklärungen abgebügelt werden. Auch erscheint die beim Kölner Treff gestellt Frage von Bode (O-Ton Bode 0:42 Min), warum sich die Abgeordneten selbst entmachten, naiv und volksverdummend. Unsere Abgeordneten sind dankbar, wenn sie sich auf Sachzwänge, wie sie durch TTIP, TISA und andere Freihandelsabkommen geschaffen werden, entschuldigend berufen können – nach dem Motto: Sie haben ja recht, aber mir sind die Hände gebunden, weil das Freihandelsabkommen keinen Gestaltungsspielraum zulässt. Viele mögen einwenden, dass doch jede Aufklärung über TTIP zu begrüßen ist. Wer so argumentiert, verkennt das Kalkül neoliberalen Protestmanagements. Im Zentrum dieses Protestmanagements geht es weniger um die Biedenkopf Begriffeanalytische Kompetenz von Problemen, sondern es geht vor allem um Problemlösungskompetenz: Wer hat nach der Diagnose auch die richtige Therapie? Unter psychologischen Gesichtspunkten ist es unstrittig, dass demjenigen, der eine Diagnose stellt, auch therapeutische Fähigkeiten unterstellt werden. Die Analyse ist quasi das trojanische Pferd, mit dem dann auch „therapeutische“ Vorschläge transportiert werden. Diese erzielen dann aber weder die versprochene Wirkung, noch bewirken sie einen Heilungseffekt.

Wer glaubt, Geld ausgeben zu müssen, um sich über TTIP umfassend zu informieren, dem seien preiswertere Publikationen wie die von Christian Felber empfohlen. Für nur 3,99 € kann das im Carl Hanser Verlag (!) erschiene Buch „Freihandelsabkommen TTIP. Alle Macht den Konzernen?“ bezogen werden. Und wer sich einen kostenfreien Einblick in die argumentative Schärfe und Brillanz von Felber verschaffen will, dem sei der Schlagabtausch zwischen Christian Felber und Prof. Andreas Falke in der Beilage „aus politik und zeitgeschichte“ empfohlen. Den meisten Publikationen wie Kampagnen zum Thema TTIP liegt bereits in ihrer analytisch-skandalierenden Herangehensweise eine gravierende Schwäche zugrunde: Sie richten den Blick engstirnig auf die TTIP-Verhandlungen, lassen aber das Dienstleistungsabkommen TISA (Trade in Services Agreement) außen vor, obwohl unter direkt-demokratischen Gesichtspunkten das TISA-Abkommen in seinen Folgen für die europäischen Antiprivatisierungs- und Rekommunalisierungsbewegungen als wesentlich gefährlicher einzustufen ist, als die TTIP-Verhandlungen! Denn wenn man den Ausführungen des Genfer taz-Korrespondenten Andreas Zumach folgt, dann

sollen Regierungen oder Verwaltungen künftig das Recht verlieren, Dienstleistungen wieder in die öffentliche Hand zu überführen. Nationale Bestimmungen zum Schutz von Umwelt, Verbrauchern oder Beschäftigten sollen ungültig werden, wenn sie den „freien Markt“ mit Dienstleistungen behindern.“ Und auch Volksbegehren und Volksentscheidungen zur Rekommunalisierung sollen nach Zumach der Riegel vorgeschoben werden: „Das seinerzeit bereits von Globalisierungskritikern bekämpfte Gats enthält noch Ausnahme- und Schutzklauseln für Dienstleitungsbereiche, die besonders sensibel oder von hohem öffentlichen Interesse sind. Diese Klauseln sollen in einem neuen Abkommen ebenso wegfallen wie die im Gats enthaltene Möglichkeit, gescheiterte oder zu kostspielige Privatisierungen wieder zu korrigieren. Dann wären die zuletzt von vielen Städten in Deutschland getätigten Rückübernahmen privatisierter Energie- und Wasserunternehmen in kommunale Trägerschaft unmöglich, genauso wenig wie die Renationalisierung der in den 80er Jahren mit katastrophalen Folgen privatisierten britischen Eisenbahnen.“ (s. taz v. 27.4.2014: „Deregulierung von Dienstleistungen – Geheimverhandlungen in Genf“ von Andreas Zumach)

Mögen die analytischen Schwächen der Empörungsagenturen auch auf die geheime Top-Secret-Politik der elitären Verhandlungsführer zurückzuführen sein, so wiegen die defizitären Lösungsansätze bzw. Vorschläge der protestführenden Organisationen in ihrer negierenden Naivität umso schwerer. Wenn beispielsweise die Nichtregierungsorganisation „Campact – Demokratie in Aktion“ als eine der führenden Campaigner-Organisationen glaubt, mit Unterschriftensammlungen für einen Stopp der Freihandelsverhandlungen dieses Ziel erreichen zu können, dann ist diese naive Schmalspur-Ausrichtung in der Zielvorgabe (Stopp bzw. Abbruch der Verhandlungen) in mehrfacher Hinsicht kritisch zu hinterfragen: Schon aufgrund der Eigendynamik transnationaler Verhandlungen, dem erheblichen Kosten-, Organisations- und Zeitaufwand wird es zu keinem Verhandlungsabbruch kommen. Einen Gesichtsverlust werden die Verhandlungsführer mit all ihren Delegationen von Unterverhandlungsführern und externen Experten nicht zulassen. Eher werden fadenscheinige Kompromisse geschlossen werden, die dann wiederum zu Auslegungsdifferenzen führen, die wiederum gerichtlich geklärt werden. Trägt man diesem Einwand Rechnung, stellt sich die Frage nach Alternativen: Wäre es nicht sinnvoller, dem Zeitgeist verstärkter politischer Mitbestimmung zu entsprechen und Unterschriftenaktionen unter einer erweiterten und gewiss ansprechenderen Zielvorgaben durchzuführen, indem die Ergebnisse TTIP Verhandlungsführeraller Freihandelsabkommen jeweils der europäischen Bevölkerung in Form eines Referendums zur Abstimmung vorgelegt werden müssen? Diese Forderung in Verbindung mit einer entsprechenden Verankerung eines Referendumvorbehalts im Fall von Freihandelsverträgen in der europäischen Verfassung würde die Verhandlungsführer massiv unter Druck setzen, weil in diesem Fall die finale Prüfung der Eignung des ausgehandelten Vertragstextes demokratisch durch die Bevölkerung erfolgen würde. Dem Einwand, dass ein Vertrag aufgrund  seiner Komplexität die Bürger überfordern würde, kann nur lakonisch entgegengehalten werden, dass auch viele Abgeordnete schon aufgrund ihrer zahlreichen Tätigkeiten kaum die erforderliche Zeit aufbringen können, die Verträge mit der gebotenen Gründlichkeit zu studieren. Wichtiger ist jedoch der Hinweis, dass es sich um Verträge handelt, die weit über die Dauer einer Wahlperiode hinaus ihre Wirkungen entfalten, während die Abgeordneten lediglich für eine Wahlperiode ein demokratisch-repräsentatives Mandat vorweisen können. Auch aus dieser demokratietheoretischen Perspektive erscheint die Praxis des parlamentarischen Durchwinkens und Abnickens durch überforderte Abgeordnete wenig geeignet. Bei zentralen, systemrelevanten Entscheidungen erscheint die Einführung von direktdemokratischen Referenden zwingend und überfällig! Nur zur Erinnerung: Auch im Rahmen der Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe gab es einen geheimen Teilprivatsierungsvertrag zwischen dem Senat und den Konzernen RWE und Veolia mit unbefristeten Gewinngarantien. Auch hier bedurfte es eines vom Autor geschriebenen Volksgesetzes zur Offenlegung der geheimen PPP-Verträge, um die Ursachen für die exorbitant gestiegenen Wasserpreise aufzudecken. Als sich anschließend von Seiten der Zivilgesellschaft ein 10-köpfiger „Arbeitskreis unabhängiger Juristen“ (AKJ) gegründet hat, um die durch den Volksentscheid offen gelegten Teilprivatisierungsverträge einer verfassungs- und europarechtlichen Prüfung zu unterziehen, fühlte sich kein Abgeordneter veranlasst, gemeinsam und sozialpartnerschaftlich (in diesem Fall besser: zivilpartnerschaftlich) mit dem AKJ die unvoreingenommene Prüfung der Verträge durchzuführen!

Festzuhalten ist, dass viele Nepper, Schlepper, Bauernfänger und Geschäftemacher nur darauf warten, ihre Netze auszuwerfen, um im Empörungsbecken kritische Bürger einzufangen und deren Aufmerksamkeit mit äußerst fragwürdigen Problemlösungsvorschlägen gleichzuschalten. Wer bei einem Verlag des Bertelsmann-Konzern publizieren lässt, riskiert seine Glaubwürdigkeit, ist außer analytischer Rhetorik nichts weiter zu erwarten. Auch bei allem Verständnis für blindwütigen Aktionismus, so sollte bei der modisch-bequemen Unterstützung von Unterschriften-Kampagnen auch hier nicht die kritische Prüfung der Zielsetzung auf ihre Sinnhaftigkeit aus den Augen verloren werden. Denken Sie daran, die Empörungspublizistik wie zahlreiche zivilgesellschaftliche Akteure haben Ihre Kritikfähigkeit im Visier. Darum sollte jeder nicht nur die analytischen Kompetenzen der Wortführer überprüfen, sondern vor allem die Vorschläge auf ihre Sprengkraft durchleuchten: Sind diese geeignet, die überfälligen Systemtransformationen Richtung Demokratisierung, Bürgerbeteiligung und Transparenz endlich durchzusetzen oder wird wie bisher nur ein wenig herumgedoktert und auch weiterhin darauf geachtet, dass nichts aus dem Ruder etablierter Strukturen läuft.

Rudek Anmerkungen zum neoliberalen KrisenmanagementThomas Rudek
Sprecher und Verfasser des ersten erfolgreichen Volksentscheids in Berlin
Gründer & Sprecher der IG für Demokratie, Bürgerbeteiligung und Transparenz (IG DeBüT)

zum Thema: „Überleben in den Krisen – Anmerkungen zum neoliberalen Krisenmanagement“ von Thomas Rudek, in: Jahrbuch für psychohistorische Forschung, 2010

 

 

Mehr zum Thema:

Fischen in der Nebelbank – Wie sich der Berliner Politikbetrieb zu TTIP positioniert
(Deutschlandfunk, Dossier, 19.06.2015)

Deal unter Forschern – Wie TTIP mit Fakten hantiert
(Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 02.08.2015)

Freihandelsabkommen – Was die Automobilindustrie von TTIP erwartet
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 23.07.2015)

10. TTIP-Verhandlungsrunde – Neue Vorschläge zu umstrittenem Thema Dienstleistungen
(Deutschlandfunk, Aktuell, 17.07.2015)

Freihandelsabkommen von USA und EU – TTIP eröffnet Wettlauf nach unten
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 14.07.2015)

Freihandelsabkommen – Strippenzieher hinter TTIP
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 14.07.2015)

Freihandelsabkommen – „TTIP verbessert Marktchancen für deutsche Maschinenbauer“
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 14.07.2015)

Umstrittenes Freihandelsabkommen – EU-Parlament stimmt für TTIP-Resolution
(Deutschlandfunk, Aktuell, 08.07.2015)

Verhandlung über TTIP-Resolution – Schutzbemühungen für die Kultur
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 07.07.2015)

 

 

 

 

 

Die griechische Reformdiskussion in öffentlich-rechtlichen Medien – unprofessionell, verlogen, unverantwortlich! Worum es bei der GREXIT-Debatte wirklich geht.

Die Hysterie ist groß, die Meinungsmache gewaltig, das Thema wird zum Super-Thema, das alles andere in den Schatten stellt und bedeutungslos erscheinen lässt: Vergessen scheint die Diskussion um die Freihandelsabkommen TTIP und TISA, vergessen die Bedeutung des NSA-Skandals, vergessen die atomare Hochrüstung des Ukraine-Konflikts, denn es gibt offensichtlich nichts was wichtiger ist als Griechenland und seine Rolle in der EU. Die massenmediale Fokussierung und nahezu hypnotische Ausrichtung unserer Wahrnehmung auf Griechenland erfolgt jedoch nicht in einem sachlichen Kontext, sondern wird von einer schrillen Marschmusik begleitet, die jeder Mobilmachung voran geht: Die Propagandaschlacht läuft auf Hochtouren, mobilisiert wird gegen die griechische Regierung, gegen die griechische Linke, die es gewagt hat, sich nicht nur dBosbach Konsequenter neoliberalen Sparpolitik der Troika entgegenzustellen, sondern jetzt sogar wagt, das griechische Volk zu befragen – und das, obwohl es nach den Ausführungen von Wolfgang Bosbach doch gar nichts zum Befragen gibt (O-Ton Bosbach bei Maybritt Illner „Athen gegen Europa“). In der Berichterstattung werden hierbei alle Register gezogen, die Synapsen der Rezipienten einem Dauerfeuer ausgesetzt, um sicherzustellen, dass alle begreifen, wer die Schuldigen, die Todfeinde Europas sind: Tsipras und Varoufakis.

In dieser Propagandaschlacht wirken viele mit: Karrieristen, Helfershelfer, Mitläufer, Ahnungslose. Vergessen scheint § 11 des Rundfunkstaatsvertrages: »Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten haben bei der Erfüllung ihres Auftrags die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu berücksichtigen«. Von Ausgewogenheit, Unparteilichkeit ist weder bei den Moderatoren der Talkbühnen noch bei den Moderatoren der Nachrichten-Sendungen die Rede. Hetze, Beleidigungen, mal offensichtlich, mal subtil, gehören zum Ton der Denunzierung und Diffamierung. Was jedoch am meisten verwundert, ist die Selbstüberheblichkeit der Arroganz, mit der die Protagonisten auf den Bühnen der Massenmedien ihr „Wissen“ zur Schau stellen – so als wären sie selbst dabei gewesen, als hätten sie den Ratssitzungen der Finanzminister beiwohnen dürfen. In Wahrheit sind auf den streng vertraulichen Sitzungen nicht einmal Protokolle angefertigt worden und die Aufregung war groß, als die Handy-Aufzeichnung einer Zusammenkunft in Riga von dem zurückgetretenen Finanzminister Varoufakis an die Öffentlichkeit gelangte. Warum fragt auch kein Journalist nach, was daran so schlimm ist, wenn die vertraulichen Sitzungen öffentlich werden, auch um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen? Wenn über tragweite Entscheidungen in demokratischen Institutionen mit mangelhafter demokratischer Legitmation beraten wird, was soll da diese Geheimniskrämerei, zumal doch permanent behauptet wird, dass es die Bürger und Steuerzahler sind, die für das Verhandlungsergebnis zahlen müssen? Es ist grotesk: Die Europäische Polit-Elite will weder dem griechischen Parlament noch der griechischen Bevölkerung noch der griechischen Regierung vertrauen, und vertraut durch die Praxis der verschlossenen Türen weder den europäischen Abgeordneten und schon gar nicht der europäischen Bevölkerung. Wer Misstrauen praktiziert, und jetzt auftritt, um Vertrauen zu beanspruchen, lässt erkennen, dass die Verhandlungen weder von Kompetenz noch von Sachlichkeit getragen werden, sondern die Kommunikation eher an ein Tollhaus erinnert. Doch dass nicht einmal Protokolle angefertigt werden, ist ein Skandal für jedes System, das einen demokratischen Anspruch für sich reklamiert. Und dass die Abgeordneten des Europäischen Parlaments gerade nach der Steilvorlage von Tsipras (s.u.) diese nicht aufgreifen und die sofortige Herstellung einer umfassenden Transparenz einfordern, zeigt, wie gering ihr Interesse an authentischen, nachvollziehbaren Informationen ist. Sie verlassen sich auf ihre “Zuträger”, auf das System der “stillen Post”. Entsprechend mahnt Prof. Varoufakis völlig zu Recht zur Vorsicht:

„Und vielleicht sollten wir europäische Institutionen infrage stellen, in denen stellvertretend für die europäischen Bürger Entscheidungen von monumentaler Bedeutung gefällt werden, in denen Sitzungsprotokolle aber weder geschrieben noch veröffentlicht werden.“

Schulz warnt klein 2Es ist in diesem Zusammenhang für die qualitative Beurteilung der öffentlichen Diskussion entscheidend, dass die von Tsipras im Europäischen Parlament am 8.7.2015 beschriebene Praxis der „verschlossenen Türen“ der Troika ohne demokratische Einbeziehung des Europäischen Parlaments (O-Ton Tsipras 2:35 Min) auch vom Juncker (O-Ton Juncker 0.40 Min) bestätigt wurde. Leider nahm Juncker diesen Punkt nicht zum Anlass, um beispielsweise für die Zukunft eine Protokollpflicht in Aussicht zu stellen, so dass mindestens Abgeordnete sich ein Bild über die Diskussionsverläufe in den Gremien der „Institutionen“ machen können! Das immer wieder gern bemühte demokratische Postulat des europäischen Parlamentspräsidenten Martin Schulz (SPD), welches er ja immer wieder ins Feld führt, um sich gegenüber dem Referendum in Griechenland zu behaupten, verkommt zur Lachnummer, solange er und die nationalen Finanzminister die einzigen sind, die an den nicht protokollierten Sitzungen zugegen sind und alle anderen, insbesondere die Journalisten, sich geehrt fühlen dürfen, wenn er die O-Töne ausspuckt, die sein Erinnerungsvermögen noch hergeben. Es kann natürlich auch sein, dass sich Schulz und andere auf die Mitschnitte der NSA verlassen, genauer darauf, dass die Mitschnitte, sollten sie von inhaltlicher Bedeutung sein, dann geleakt werden. Doch sollten wir uns mit der Hoffnung auf ein Varoufakis-Leaks begnügen?

Brok weiss allesFestzuhalten ist: Was uns Bosbach, Altmeier und andere servieren, stammt aus der ranzigen Gerüchteküche. Und der jüngste Streit bei Anne Will zwischen Gesine Schwan und Elmar Brok (CDU / Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments) über die abgedroschene und verlogene Plattitüde, dass die griechische Regierung nichts geliefert hat, beweist erneut, wie armselig es um die Wahrnehmungskompetenz, besser Wahrnehmungsresistenz europäischer Führungskräfte bestellt ist: Papiere, die ihnen nicht ins Konzept passen, existieren nicht – Basta (O-Ton Schwan und Brok)! Besonders peinlich für Brock als Mitglied des Europäischen Parlaments: Tsipras hat in seiner Rede im Europäischen Parlament noch einmal unmissverständlich klar gestellt, dass die griechische Regierung ein detailliertes 37-seitiges Papier mit weitreichenden Reformvorschlägen abgegeben hat (O-Ton Tsipras), was in einer Ergänzung des Kommissionspräsidenten Juncker auch nicht bestritten worden ist. Auch die im Mai vorgelegte 47-seitige Liste mit Vorschlägen ist offensichtlich von den Mitgliedern der Troika Herrn Brok nicht vorgelegt worden! Vielleicht sollte Herr Brok seine Energie darauf ausrichten, den Mitgliedern der Troika vorzuschlagen, dass auch den Abgeordneten des Europäischen Parlaments Einsicht in die Reform-Vorschläge des griechischen Parlaments ermöglicht wird. Besonders abgebrüht, kaltschnäuzig und verlogen sind Brocks Behauptungen (O-Ton Brock 0:53 Min), dass Tsipras den Ausführungen und Behauptungen von Juncker nicht widersprochen hat. Wer die Sitzung des Europäischen Parlaments verfolgt hat, der weiß, dass Juncker nach Tsipras gesprochen hat, und Tsipras nicht die Gelegenheit zum Widerspruch eingeräumt wurde! Für die Demaskierung von Brok notwendige, aber leider von Anne Will  nicht gestellte Frage hätte sich auf den Umgang Broks mit seinen griechischen Parteifreunden der Vorgängerregierungen beziehen müssen: Fünf Jahre hatte dieser Meister der Irreführung die Gelegenheit dafür zu sorgen, dass die Steuerverwaltung, Katasterämter u.a. aufgebaut werden. Wer von einer neuen Regierung, die noch nicht einmal ein halbes Jahr im Amt ist, etwas verlangt und in einer unverschämten Tonlage anprangernd fordert, was von den eigenen ParteiFREUNDEN der Vorgänger-Regierungen in fünf Jahren nicht mit der gleichen Schärfe öffentlich eingefordert worden war, beweist nicht nur seine Verschlagenheit, sondern auch seine Inkompetenz in verwaltungs- und rechtsstaatlichen Fragen. Es wird seine Gründe haben, dass Elmar Brok auf einem gut dotierten Posten im EP untergebracht wurde.

Auch wenn das Europäische Parlament außerhalb des Informationsflusses steht, weil die griechische Linke ihre Schreiben formal korrekt an die zuständigen Entscheidungsträger der Institutionen richtet, so hätte dieser parlamentarische Informationsgau eigentlich vom Parlamentspräsidenten schon längst behoben werden können. Es wird seine Gründe haben, warum Martin Schulz dieser entscheidungsrelevanten Aufgabe nicht nachgekommen ist. Doch selbst wenn Abgeordnete und Andere von den Reformvorschlägen Kenntnis erhalten, danAltmeiern rühmen sich beispielsweise bei „Hart aber Fair“ Peter Altmeier oder Alexander Graf Lambsdorff damit, dass sie doch den griechischen Forderungen weitestgehend entgegen gekommen seien. Der im Internet nachgereichte Faktencheck beweist anderes – allerdings haben die Brandstifter bereits zu diesem Zeitpunkt den Schwelbrand im zentralen Nervensystem der bundesrepublikanischen Bevölkerung angezettelt und die Zugriffszahlen im Internet erreichen nicht die Einfaltqouten des Talk-Formats. Um den Druck auf  Führungskader zur Wahrheit zu erhöhen, sollte wenigstens Frank Plasberg mit gutem Beispiel voran gehen, Rückgrat zeigen und denjenigen, die den Faktencheck nicht unbeschadet überstehen, die Möglichkeit zur öffentlichen Selbstdarstellung zukünftig verweigern! Statt über die unkonventionelle Garderobe von Herrn Varoufakis und Herrn Tsipras abzulästern – diese dümmlichen Kommentare erinneHarald Schumann Googelrn an die Aufregung über die Turnschuhe von Joschka Fischer in den 80er Jahren – sollte die Verifizierung der Verlautbarungen durch kritisches Nachhaken im Vordergrund des journalistischen bzw. moderierenden Interesses stehen. Es ist übrigens auffällig, wie wenig fundierte, kritische Analyse auf den deutschen Talkbühnen gefragt ist: Harald Schumann, investigativer Journalist und Publizist, der nicht nur zur Aufklärung der Finanzkrise entscheidend beigetragen hat, sondern auch einen 90 minütigen, hochkarätigen Dokumentarfilm über die Troika-Politik in Griechenland und Zypern gedreht hat, berichtet unerlässlich substanziell über die griechische Schuldenkrise, beispielsweise im Berliner Tagesspiegel. Warum uns permanent Grexit-Befürworter vorgesetzt werden, aber uns investigative Journalisten wie Schumann vom Leitmedium TV vorenthalten werden, ist rational nicht zu erklären.

Auch über das Referendum wird mehr Unsinn als Sinnvolles geäußert. Wer behauptet, die simple Abstimmungsfrage überfordere die Bürger, der muss ins medienpolitische Niemandsland verbannt werden und hat in den öffentlichen Foren nichts verloren. Permanent wird an die Eigenverantwortung der Bürger appelliert, aber wenn es um relevante Fragen geht, sind die Bürger zu blöd, sich zu informieren und zu entscheiden. Statt die Menschen und Wähler zu bevormunden und zu entmündigen, sollten sich die politisch Verantwortlichen am Beispiel Tsipras orientieren, und Entscheidungen in verfahrenen Situationen der Bevölkerung zur Abstimmung vorlegen. Wer in einer Demokratie Verantwortung auf Zeit in seinen Händen hält, der muss sich an „seine“ Verantwortung nicht machtbesessen klammern. Im Gegenteil: Es würde das demokratische Bewusstsein der Gesellschaft stärken, wenn ihr die Gelegenheit gegeben wird, dass alle Bürger über Schicksalsfragen, die ihre Wirkung weiter über eine Legislaturperiode hinaus entfalten werden, eigenverantwortlich entscheiden können!  Zumal im Fall des griechischen Referendums Giegold Referendumdie Abstimmungsfrage  sich lediglich auf einen Verhandlungsstand bezieht und nicht auf ein – wie von Bosbach und anderen unterstellt – Verhandlungsergebnis! Besonders enttäuschend war hier der Auftritt von Sven Giegold bei Maybritt Illner, der dem Referendum ablehnend gegenüber steht, weil den Griechen angeblich nicht genügend Zeit zur Verfügung gestellt worden ist, um sich umfassend zu informieren (O-Ton Giegold).

Dabei besteht für Hysterie und Panikmachung in den deutschen Medien gar kein Anlass, denn das neoliberale Meinungskartell hat alles fest im Griff. Wie das medienkritische NDR-Magazin Zapp bereits weitsichtig am 4.3.2015 herausgestellt hat, ist in Griechenland die größte Mediendichte in Europa: 80 Zeitungen und 50 Fernsehsendern, zum größten Teil im Besitz von Oligarchen und Reedern, neben einem zur Bedeutungslosigkeit kaputt gesparten öffentlich-rechtlichen “System” (siehe die Kurz-Reportage  im Deutschlandfunk bei Markt & Medien “Der griechische Rundfunk wieder auf Sendung”). Die Eigentümer sind auf die Linksregierung nicht besonders gut zu sprechen, da durch eine Neuregelung der Ausschreibung für die Rundfunkfrequenzen die Eigentümer zukünftig zur Kasse gebeten werden (s. Zapp-Magazin vom 4.3.2015). Da wundert es wenig, wenn die mediale  Berichterstattung  in Griechenland über das Referendum entsprechend einseitig ausgefallen ist.
Unabhängig von diesen erschwerten Umständen für die griechische Linksregierung geht das neoliberale Meinungskartell auf Nummer sicher: Bereits als sich abzeichnete, dass es in Griechenland einen linken Regierungswechsel gibt, kaufte die Goldman Sachs nahestehende amerikanische Investmentfirma KKR die Singular Logic-Mutterfirma MIG. Da die eingekaufte IT-Firma auch die Software zur Auszählung der Wahlergebnisse liefert, dürfte der Ausgang der Wahl abgesichert sein, so dass sich die Entsendung von Wahlbeobachtern erübrigt. Wenn sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen abgezeichnet hätte, dann hätten, sobald die Wahlbezirke ihre lokalen Ergebnisse per Datenstream ins Rechenzentrum liefern, ganz speziell programmierte Algorithmen in der Auswertungs-Software für exakt die Wahlergebnisse geliefert, die sich Goldman Sachs und Co. auch wünschen. Verschwörungstheorie? Machen wir uns nichts vor: Eine so wichtige Entscheidung wie die Fortsetzung der Sparpolitik als angebliche Voraussetzung für eine stabile Währung darf man nicht dem Volk, das ja ohnehin keine Ahnung hat, überlassen. Denn – und auch das wird uns permanent eingetrichtert – das Vorgehen der griechischen Linksregierung darf in den anderen europäischen Mitgliedsstaaten „keine Schule machen“. Darum wurden wir in unserer Erwartungshaltung auch auf ein äußerst knappes Ergebnis programmiert. Nun ist genau diese Prognose nicht eingetroffen. Die Wahlergebnisse waren so eindeutig, dass für eine Manipulation des Abstimmungsergebnisses kein Spielraum blieb. Nur zur Erinnerung: Als damals nach der Ankündigung eines Referendums durch den damaligen Pasok-Premier Georg Papandreou dieser aus dem Amt gejagt wurde, wurde sein Nachfolger der Goldman Sachs Banker Nikos Papademos.

Wer jedoch annimmt, dass der eindeutige Ausgang des Referendums zu einem Umdenken in den der gute psychopathKöpfen der „Institutionen“ führt, oder dass in der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft jetzt ein anderer, auf Vermittlung ausgerichteter Ton in der Berichterstattung angeschlagen wird, der unterschätzt den Fanatismus von verbohrten Überzeugungstätern, die offensichtlich auch einen hohen, befriedigenden Lustgewinn aus der lebensbedrohlichen Erniedrigung ganzer Bevölkerungsgruppen in Griechenland ziehen. Solche hochgradigen Psycho- bzw. Soziopathen fallen durch regressive Verhaltensmuster auf, ihrer intellektuellen bzw. kognitiven Weigerung gegenüber einer Argumentation auf gleicher Augenhöhe wie der kleinkindlichen Verweigerung, Anstrengungen und Bemühungen des „Gegners“ zur Kenntnis zu nehmen. Statt sich den Vorschlägen der griechischen Regierung zu stellen, sich mit ihnen konstruktiv auseinanderzusetzen, wird permanent und unerlässlich von den Polit-Psychos behauptet, sie (die Griechen) würden „nicht liefern“ und würden keine Anstrengungen zur „Modernisierung“ des korrupten Staatsapparates erkennen lassen. Und wenn es dann doch durch die Vorlage entsprechender Papiere und Aussagen gelingt, die Behauptungen zu widerlegen, dann wird der Beweis weggewischt mit der Behauptung, dass es am Umsetzungswillen fehle bzw. die griechische Regierung über keine Fähigkeiten zur Umsetzung verfüge. Wer so argumentiert, der will nur eines: Er will vollstrecken! Um den Lustgewinn durch die Erniedrigung zu maximieren, werden DIE Folterwerkzeuge mit der höchsten Wirksamkeit zum Einsatz gebracht, die das Dahinsiechen großer Bevölkerungsgruppen gewährleisten. Bei dem Austrocknen der griechischen Banken handelt es sich nicht um den Aufbau einer abstrakten Rentner verzweifeltDrohkulisse, auch schon gar nicht um ein neoliberales Erziehungsprogramm, sondern um ein Vernichtungsprogramm, das den Vergleich mit dem Terrorismus nicht zu scheuen braucht. Wenn eine Maßnahme innerhalb kürzester Zeit – wie eine plötzlich auftretende Seuche – die Lebensbereiche aller Menschen durchdringt, Angst und Schrecken verbreitet, und den Tod vieler Menschen billigend in Kauf nimmt, dann stellt sich die rhetorische Frage, ob hier nur vom Straftatbestand unterlassener Hilfeleistung auszugehen ist, oder nicht eher der Massenmord der ärmsten Menschen einer Gesellschaft als neoliberales Kalkulationsinstrument zur Herstellung der Wettbewerbsfähigkeit im Geschmack von Hans Werner Sinn ganz bewusst, besser selektiv gewählt worden ist? Was diese Personen unter „Humanitärer Hilfeleistung“ verstehen? Auf jeden Fall müsste sich auch diese rentieren, denn nach der Denke dieser Exit-Experten, gibt es nichts ohne Gegenrechnung.

Dass die Erarbeitung einer gerechten, nachhaltigen europäischen Lösung auch in eine ganz andere Richtung gehen könnte, hat ausgerechnet der IWF bereits 2013 in einem „Gedankenspiel“, inspiriert durch Stefan Bach, Steuerexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dargelegt. Im Handelsblatt fasst Dietmar Neuerer die Ergebnisse des Gedankenspiels unter dem Titel „IWF-Vorstoß – Angriff auf die Reichen“ zusammen: Ausgangspunkt ist der Anstieg der Verschuldung der „Euro-Staaten von 6000 auf 8600 Milliarden Euro … deutlich über 90 Prozent des BIP. Durch eine Vermögensabgabe von etwa 10 Prozent könnten die Schuldenstände von Euro-Ländern auf den Stand vor der Finanzkrise 2007 gedrückt werden… Der IWF hatte sich in seinem Fiskalbericht auch für höhere Spitzensteuersätze ausgesprochen. Unter Einnahmegesichtspunkten riet der Fonds Deutschland zu einem Spitzensteuersatz von 55 bis 70 Prozent.“  Von dieser einmaligen Vermögensabgabe wären alle Besitzer von Ersparnissen, Wertpapieren sowie Immobilien betroffen. Wenngleich viele Skeptiker und Bedenkenträger dieses Gedankenspiel abgelehnt haben, so gab es einige wie den Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, der das Potenzial dieses Vorschlags zumindest für die Krisenländer ausgelotet hat:

So stehe in Italien der Staatsverschuldung von 127 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ein Finanzvermögen der Privathaushalte von 175 Prozent des BIP gegenüber. „Eine Vermögensabgabe sollte allerdings selbstgenutzte Immobilien aussparen, weil ansonsten Hauseigentümer gezwungen sein könnten, sich zu verschulden, um die Abgabe zu entrichten“, fügte Krämer hinzu. „Außerdem sollten kleine Finanzvermögen nicht einer Vermögensabgabe unterworfen werden.“

Konkrete Bedenken zu der Umsetzung dieser Überlegungen formulierte Nicolaus Heinen, Experte für europäische Wirtschaftspolitik bei der Deutschen Bank: „Es ist illusorisch anzunehmen, dass Finanzämter die Vermögenslage privater Haushalte verlässlich und in Echtzeit abschätzen können, ohne dass nennenswerte Erhebungskosten entstehen“, sagte Heinen Handelsblatt Online. „Dies gilt insbesondere für die südeuropäischen Krisenstaaten, deren Finanzverwaltungen noch nicht hinreichend reformiert sind.“

Auch diese Stellungnahme offenbart zum einen die verheerenden Auswirkungen einer europäischen Erweiterungspolitik, die sich auf fiskalpolitisch manipulierte Kennzahlen zum Staatshaushalt blindwütig verlässt, wobei in der Regel die Prüfung von Investmentgesellschaften wie Goldman Sachs mit krimineller Energie vorgenommen wurde, die bei dieser Gelegenheit auch die Geschäftsübernahmen profitabler griechischer Unternehmen vorbereitet haben (s. Eurovisionen – Die große Manipulation: Wie Goldman Griechenland in den Euro holte, Deutsche Wirtschafts Nachrichten v. 10.04.14). Zum anderen wird deutlich, dass die Troika-Politik mit ihrer Sparpolitik gescheitert ist: Statt darauf zu achten, dass durch den Aufbau einer modernen, effizient arbeitenden Finanzverwaltung die Voraussetzungen geschaffen werden, um staatliche Einnahmen zu regenerieren, wurden staatliche Personalausgaben gekürzt ohne Sinn und Verstand – und zwar nicht nur bei der Finanzverwaltung, sondern auch bei den Gerichten. Die griechische Linksregierung hat versucht, nicht nur dieser Entwicklung entgegen zu treten. Sie hat auch erkannt, dass sie auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen ist und sich nach eingehender Prüfung entschieden, bei einer Finanzverwaltung Rat einzuholen, die für ihre Effizienz auch hinsichtlich der Korruptionsbekämpfung bekannt ist. Am 5.6.2015 hat sie mit dem Finanzminister Norbert Walter-Borjans aus Nordrhein-Westfalen entsprechende Schritte für eine enge Kooperation vereinbart (s. PM des NRW-Finanzministeriums Know How aus NRW für griechische Steuerbehörden „Memorandum Of Understanding über Austausch bei Steuerfahndung, Steuerabkommen, IT und effizienter Finanzverwaltung geplant“).

Manfred WeberDass die vorsätzlichen Versäumnisse sowohl der Troika wie der griechischen Vorgängerregierungen nicht über Nacht korrigiert werden können und gerade der Aufbau einer modernen Steuerverwaltung und Korruptionsbekämpfung Zeit erfordert, dürfte jedem klar sein. Doch gerade dieser Zeit-Faktor wird der griechischen Regierung nicht zugestanden. Im Gegenteil: Statt diesem Umstand auch in der Berichterstattung zu entsprechen, wird permanent behauptet, die griechische Linksregierung würde nicht liefern. Im Interview der Woche des Deutschlandfunks  schreckt der europäische Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) auch nicht davor zurück, die Öffentlichkeit zu belügen, indem er genauso wie seine Kollegen aus dem Bosbach-Lager behauptet, dass die griechische Regierung sich dem Aufbau einer modernen Steuerverwaltung verweigert (O-Ton Schulz). Statt im Referendum das zu sehen, was es ist, eine Votum gegen die Fortsetzung der bisherigen Sparpolitik, werden von Experten in unverantwortlicher Weise Ausstiegsszenarien propagiert und Machbarkeitsanalysen dargestellt, deren Aussagewert schon aufgrund der mangelhaften Datengrundlagen höchst unsicher ist. Auch dieser totalitäre Omnipotenzanspruch von neoliberalen Wirtschaftswissenschaftlern einer ganz bestimmten Coleur in Kombination mit deren dominanter Präsenz in den öffentlich-rechtlichen Medien ist ein Anlass für die allerhöchste Alarmstufe. Auch das oft bemühte Bild von den „Hausaufgaben“ spricht Bände über das Selbstverständnis der Euro-Zuchtmeister, die jetzt statt Prügelstrafe mit der Bankenliquidierung kommen, um das gewünschte Ergebnis herbeizuprügeln. Schäuble, Weber, Schulz, Bosbach und all die anderen zeigen durch ihre emotionalen Bilder, mit welcher Geringschätzung sie eine sachbezogene Auseinandersetzung auf gleicher Augenhöhe wünschen. Wenn in diesem Kontext von einer „Vertrauenskrise“ und von „Freunden“ gesprochen wird, dann stellt sich umgekehrt die Frage, ob diese Personen überhaupt die Voraussetzungen erfüllen, damit ihnen Vertrauen entgegengebracht werden kann? Wenn eine autoritäre Anspruchshaltung gegenüber anderen Personen nicht rational nachvollziehbar erklärt wird, und zu befürchten ist, dass die Durchsetzung dieser Anspruchshaltung nicht nur erhebliche Belastungen für Bevölkerungsgruppen nach sich zieht, sondern die Folgewirkungen in ihren negativen Auswirkungen nicht abschätzbar sind, dann stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, Psychopathen Vertrauen entgegenzubringen, selbst wenn sie sich auf ein demokratisches Mandat berufen können (wobei in keinem Wahlprogramm ein Auftrag zum Massenmord enthalten ist)?

Im Radiosender NDR Info wurde am 7.7.2015 in der unter Hörerbeteiligung ausgestrahlten Sendung „Was folgt aus dem „Nein“?“ auch Sigrid Skarpelis-Sperk, Volkswirtin und Präsidentin der Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften Gelegenheit eingeräumt, sich gegenüber Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft mit einem sehr klaren Statement abzugrenzen, wobei die Antwort von Prof. Kooths psychologische Rückschlüsse auf seinen Geisteszustand zulässt (O-Ton Skarpelis-Sperk & Kooth)!  Auch die Zukunftsvisionen, die Hans Werner Sinn für Griechenland als Agrarland (O-Ton Sinn 1:55 Min) bereit hält, zeigen in seinen Verlautbarungen zur Textilindustrie und den weißen Baumwollfeldern in höchstem Maße gefährliche psychopathologisHW Sinn Baumwollfelderche Eigenschaften auf: Übersetzt man seine bei Anne Will geäußerten Vorstellungen, dann sollen die griechischen Textilarbeiterinnen ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem globalen Weltmarkt beweisen, indem sie zu Bedingungen arbeiten, die in Bangladesch anzutreffen sind. Im Rahmen der menschenverachtenden Wettbewerbsideologie müssen sie sich eventuell auch mit niedrigeren Löhnen abfinden, wenn dadurch ihre Produkte besser abgesetzt werden. Abgesehen hiervon hat dieser Experte offensichtlich nicht bedacht, dass die äußerst energieintensive Textilindustrie eine im Fall der zu erwartenden Währungsabwertung gestiegenen Importkosten für Energie nicht bezahlen könnte, ganz zu schweigen, dass gerade Baumwollplantagen äußerst bewässerungsintensiv sind. Nachhaltige Vorschläge mit einer menschenwürdigen Zukunftsperspektive sehen anders aus. Verhaltensauffällig wurde Hans Werner Sinn, als die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan die Berechnungsmodelle hinterfragte (O-Ton HW Sinn & Gesine Schwan 1 1:17 Min). Als es um das Lieblingsthema von Hans Werner Sinn ging, behauptete er gar, dass in Griechenland der Mindestlohn bei 14,70 € liegen würde (O-Ton Schwan & Sinn). Nach Angaben einer aktuellen Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung liegt der Mindestlohn in Griechenland bei 3,35 €! Es ist schon seltsam, dass die für Unternehmer und Arbeitgeber wichtigste Kostenstelle, die Kapitalbeschaffungskosten, von Herrn Sinn nicht thematisiert werden (erfrischend in diesem Zusammenhang die Frage von Giorgos Chondros (Parteivorstand von Syriza, warum bei den „hohen“ Lohnkosten in Deutschland überhaupt investiert werde – O-Ton Chondros & Sinn). Vielleicht weil die Kapitalbeschaffungskosten in Griechenland um ein vielfaches höher liegen als in Deutschland und den meisten anderen europäischen Staaten? Hans Werner Sinn, der nächste Jahr aus dem ifo-Institut altersbedingt ausscheidet und durch Clemes Fuest ersetzt wird, ist ein Meister im Erstellen schöngerechneter Gutachten, die in ihrem Aussagewert vor allem hochmanipulativ sind. Während aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion Die LINKE hervorgeht, dass die geschnürten Rettungspakete und Hilfspakete vor allem das Ziel verfolgten, die Gläubiger abzusichern, redet Sinn in unverantwortlicher Weise den Grexit herbei, obwohl er eigentlich wissen sollte, dass die Folgen einer Insolvenz der griechischen Banken nach wie vor unübersehbar wären und das Ausmaß der letzten Finanzkrise gar in den Schatten stellen könnte (s. hierzu den Spiegel-Artikel von Stefan Kaiser aus dem Jahr 2011, der trotz des „Schuldenschnitts“ von 2012 an Aktualität nichts verloren hat: Schuldenkrise: Wer die größten Griechen-Risiken trägt). Kaiser verdeutlicht in seinem Artikel, dass es den Amerikanern bei ihren „Interventionen“ gegenüber Merkel  keineswegs nur um „Geopolitik“ geht, sondern auch um fiskalpolitisch relevante Interessen:

„34 Milliarden Dollar „andere potentielle Engagements“ amerikanischer Banken in Griechenland sind dort aufgelistet, der mit weitem Abstand höchste Wert aller Staaten. Dahinter dürften sich zum großen Teil Credit Default Swaps (CDS) verstecken. Diese von Investorenlegende Warren Buffet einst als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichneten Papiere sind Kreditversicherungen, mit denen Großbanken sich zum Beispiel gegen den Ausfall von Staatsanleihen oder direkten Darlehen absichern. Die Bank, die den CDS ausgegeben hat, ersetzt der Bank, die den CDS gekauft hat, den Schaden, den diese wegen des Ausfalls eines Schuldners erlitten hat. Der weltweite CDS-Markt ist fest in der Hand von etwa 15 Großbanken, die meisten davon kommen aus den USA. Große Namen in dem Geschäft sind Goldman Sachs Chart zeigen, Morgan Stanley Chart zeigen oder die Citigroup Chart zeigen, aber auch die Deutsche Bank Chart zeigenoder die französische BNP Paribas Chart zeigen. CDS-Papiere gelten deshalb als so gefährlich, weil der Handel mit ihnen völlig undurchsichtig ist und sie im Ernstfall Kettenreaktionen auslösen können.“

Und es ist in diesem Zusammenhang bedenklich, wenn auch das Konstrukt der Staatsanleihen gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen völlig ausgeblendet wird (s. Staatsanleihen – Crash bei Staatsanleihen: Anleger haben bereits 640 Milliarden Dollar verloren, Deutsche Wirtschafts Nachrichten  v. 17.06.15).

Worum es bei dem europäischen Experiment in Griechenland ging, hat Alexis Tsipras in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament nur unzureichend auf den Punkt gebracht. Gewiss: Griechenland wurde zum Versuchslabor für eine neoliberale Sparpolitik. Solche Experimente gab es zahlreiche, wie bereits Naomi Klein in ihrem Buch „Schock-Strategie“ ausführlich analysierte. Das Besondere an dieser Fallstudie sind die Kontextfaktoren: Zum einen die Einbindung nicht nur in den Europäischen, sondern vor allem in den währungspolitischen Kontext der Eurozone. Zum anderen in den aktuellen zeitpolitischen Kontext. Die medienpolitische und kommunikationspsychologische Fokussierung und Herausstellung in öffentlich-rechtlichen Mediensystem war bzw. ist das eigentliche Experiment: Kann in einem angeblich pluralistisch aufgebauten öffentlich-rechtlichen Mediensystem die Zentrierung auf ein „beherrschendes“ Thema nicht nur gelingen, sondern das Bedeutungspotenzial anderer Brennpunkt- bzw. Krisenthemen längerfristig abgesenkt werden? Und was bedeutet dieses Wahrnehmungsmanagement für die Arbeit des Politikbetriebes? Können in jenen Politikfeldern, die nicht im Fokus der öffentlichen Berichterstattung stehen, schneller Duchsetzungskonzepte realisiert werden? Genauso wichtig sind Wirkungsanalysen zur Effizienz massenmedialer Indoktrinierung durch das Inszenieren von zahlreichen Expertenmeinungen, die sich in ihrer inhaltlichen Ausrichtung gleichen, was besonders extrem beim Fernsehsender PHOENIX und ihren tendenziös-grenzwertigen „Vor Ort…“ Kommentierungen zur Geltung kam. Und schließlich die wichtigste Funktion der „demokratischen“ Leitmedien, nämlich die Aufgabe einer kritischen Berichterstattung zugunsten einer passiven und aktiven Akzeptanzerzeugung für die Abwicklung Griechenlands. Die totalitäre Durchsendung konstruierter Stereotypen erinnert an jenes Experiment, das in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts noch eines Versuchslabors bedurfte, das aber jetzt im Zeitalter der HD-Television flächendeckend mit jedem Bürger durchgeführt wird: Das „Milgram-Experiment“.

Clemens FuestUnter Berücksichtigung dieser Kontextfaktoren lässt das Ausmaß an Demagogie, Unterstellungen, Schuldzuweisungen bei gleichzeitiger Ausblendung einer differenzierenden Analyse des Leistungsumfangs der griechischen Regierung an eingeleiteten Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung (wie beispielsweise der Rolle deutscher Firmen bei der Korruption und dem von Varoufakis bereits im Februar (!) bei Schäuble eingereichten Antrag auf Amtshilfe) nur eine Schlussfolgerung zu: Hier wurde eine Propaganda-Schlacht inszeniert, die zum einen von anderen relevanten Polit-Themen mit Systemrelevanz ablenken sollte. Zum anderen ging es darum, einen Prügelknaben als neues Feindbild aufzubauen, der herhalten muss, wenn der Euro abschmiert und seine Talfahrt beginnt. Nur zur Erinnerung: Der Buchwert der Staatsanleihen beläuft sich auf eine Trillion! Ein wahrer Meister in Schuldzuweisungen und der Inszenierung von Ablenkungsmanövern ist der Nachfolger von Hans Werner Sinn: Clemens Fuest. Zuerst wird entgegen besseren Wissens behauptet, die griechische Regierung hätte keine Papiere mit Reformvorschlägen geliefert. Wenn jetzt Tsipras ein Papier unter Hinzuziehung von Ratgebern der OECD und Frankreichs vorlegt, das inhaltlich weitgehend den Forderungen der Institutionen entgegen kommt, dann ist Clemens Fuest das auch nicht gut genug, weil Tsipras bei der Erstellung des Papiers fremde Hilfe in Anspruch genommen hat (O-Ton Fuest 1:38 Min). Auch in dieser Sendung von Maybritt Illner ist das nächste Ziel auf der Psycho-Agenda erkennbar: Der Sturz der Tsipras-Regierung, denn um deren Vertrauenswürdigkeit ist es ja angeblich ohnehin schlecht. Offensichtlich ist es in den Augen einiger um die Vertrauenswürdigkeit der alten, genehmen Pappkameraden besser bestellt, vor allem wenn es darum geht, die von der griechischen Linksregierung gestellten Anträge auf Amtshilfe zur Ermittlung gegen deutsche Firmen wegen des Verdachts auf Korruption zurückzuziehen. Was bei den entweder-oder-Darstellungen von Clemens Fuest ängstigt (O-Ton Enderlein, Fuest, Göring-Eckardt und Fuest 2:19 Min), ist der Mangel an Differenzierung. Dass auch andere, wie die oben vom IWF vorgeschlagenen Möglichkeiten einer ausstehenden Kapitalisierung der Banken – beispielsweise durch eine einmalige Vermögensabgabe – denkbar sind, wird von Fuest, Bosbach, Schäuble offensichtlich nicht einmal in Erwägung gezogen, und schon gar nicht öffentlich zur Diskussion gestellt. Wer sich jedoch in fanatisch-bornierter Beschränktheit verrannt hat und auf Teufel komm raus den Grexit mit Brachialgewalt unter Einsatz aller manipulativer Tricks durchpeitschen will, der ist gut beraten, sich an das globale Beben zu erinnern, dass durch die Pleite einer einzelnen amerikanischen Investmentbank ausgelöst wurde. Und jetzt soll der Bankrott des Bankensystems eines ganzen Landes in Kauf genommen werden, nur um die griechische Linke fertig zu machen, angeblich weil die Risiken beherrschbar seien? Und was geschieht, wenn die Milchmädchenrechnung von Schäuble nicht aufgeht und die Fachpresse Recht hat, und die Verluste nach „internationalen Rechnungslegungsvorschriften“ sofort abgeschrieben werden müssen? Haben dann die Maastricht-Kriterien ihre Gültigkeit verloren? Oder steht dann in den meisten europäischen Ländern die Fortsetzung des gleichen Spar-Diktats an, dem Griechenland ausgesetzt wird?

Und selbst wenn Tsipras jetzt unter dem massiven Druck geschlossener Banken reagiert und überraschend den Forderungen der Troika entspricht, dann holen Manfred Weber und Wolfgang Schäuble zum Gegenschlag aus, und fordern im Fall Manfred Webers einen Beweis in Form einer Regierungsumbildung unter der Beteiligung ausgerechnet seiner Partei (O-Ton Weber 1:59 Min). Schäuble geht noch einen Schritt weiter und verlangt eine Treuhand-Anstalt, wobei es sowohl völker- wie europarechtlich fraglich sein dürfte, ob eine Treuhand-Anstalt mit den Souveränitätsrechten demokratischer Staaten überhaupt vereinbar ist. Das Budget- bzw. Haushaltsrecht gilt als die Kernkompetenz parlamentarischer Regierungssysteme, was Schäuble offensichtlich nicht interessiert. Sein Interesse scheint einzig ausgerichtet zu sein, unannehmbare Forderungen zu stellen, ohne die fiskalpolitischen Forderungen ernsthaft zu bedenken.

Liefern muss nicht Griechenland. Liefern muss die EU! Allem voran Transparenz. Es ist unhaltbar, dass Ratssitzungen mit Entscheidungen von epochaler Bedeutung nicht nur hinter verschlossenen Türen stattfinden, sondern dass diese informative Entmündigung auch von den Abgeordneten des Europäischen Parlaments desinteressiert hingenommen wird!
Statt Geld auszugeben, um überwiegend die privaten Gläubiger zu retten, sollte jetzt eine Investitionspolitik gefördert werden, die die griechische Wirtschaft durch günstige Zinsen befähigt, vorhandene Kapazitäten weiter zu entwickeln und auszubauen und neue Ressourcen zu erschließen. Unter den Bedingungen der aktuellen griechischen Regierung scheint das eher möglich als unter dem alten korrupten System. Dass Varoufakis auch erste Schritte zur Korruptionsbekämpfung gegen den Willen der Gewerkschaften durchgesetzt und in Behörden Leitungspersonal ausgewechselt hat, wird auch gerne in den deutschen Medien verschwiegen. Was das mangelhafte Controllig bzw. das Fehlen makroökonomischer Steuerungskompetenzen auf EU-Ebene betrifft, hat in einem dlf-Gespräch auf Nachfrage Markus Ferber (CSU, stv. Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Währung des Europaparlaments) in seiner Antwort erkennen lassen, wie schwierig es wird, das Europa in diesem Punkt liefert (O-Ton Ferber 2:27 Min)! Liefern muss die EU auch eine klare, unverfälschte Bestandsaufnahme der Eurozone. Es macht keinen Sinn, den öffentlichen Blick nur auf die Staatsverschuldung zu richten. Ein Blick auf die Wirklichkeit erfordert auch die Einbeziehung der Gesamtverschuldung (Schattenhaushalte) und die Entwicklung der Privatverschuldung. Und wenn dann in dieser Bestandsaufnahme auch die Entwicklung der Privat- und Finanzvermögen herausgestellt wird, eröffnen sich auch für das Krisenmanagement neue zukunftsfähige Perspektiven und Alternativen, wie im oben zitierten Artikel des Handelsblattes aufgezeigt. Ob dieser zwingend notwendige Perspektivwechsel mit dem gegenwärtigen „Führungspersonal“ vollzogen werden kann, ist maßgeblich von der Schlüsselrolle der Massenmedien abhängig. Die TV-Berichterstattung über die Euro-Krise ist in ihrer demagogischen Ausrichtung und Einseitigkeit gefährlich und dürfte kaum einer verfassungsrechtlichen Überprüfung standhalten. Und im Schatten der alles andere beherrschenden Diskussion um die Folgen über den Ausgang des Referendums läuft die militärische Mobilisierung unter Einbeziehung taktischer Nuklearwaffen auf Hochtouren ungestört weiter. Ach ja – und in Spanien wurde gerade ein Protestverbot durch ein rigides Anti-Demonstrationsgesetz in Kraft gesetzt. Franco lässt aus dem Grab die europäische Wertegemeinschaft grüßen. Und auch die Schweiz manövriert und wird vom 16. bis zum 25. September 2015 ein großangelegtes Militär-Manöver unter Einsatz von 5.000 Soldaten mit dem Titel „Conex 15“ durchziehen. Und Finnland hat sicherheitshalber schon mal seine Reservisten angeschrieben, damit sie wissen, wo sie Stellung beziehen müssen, wenn es dann soweit ist. Die USA und Russland modernisieren ihre Nuklearwaffen und die NATO erhöht ihr Kontingent in Europa. Und was Griechenlands militärische Bedeutung betrifft, da erklärt erinnernd Malte Daniljuk am 10.7.2015 in der Telepolis daran, „Warum Griechenland nirgendwo austritt“ :

„Wie weit man in Griechenland wegen solcher Probleme gehen kann, demonstrierte das Land 1974, als es wegen der Zypern-Krise kurzerhand aus der Nato austrat. Das Land nahm den größten Teil seiner Streitkräfte aus dem gemeinsamen militärischen Kommando, ließ aber die damals fünf US- bzw. NATO-Stützpunkte bestehen. Gleichzeitig genehmigte der damalige Regierungschef Andreas Papandreou aber auch der sowjetischen Marine, in der Ägäis vor Anker zu gehen und ihre Schiffe dort zu reparieren. Selbst nachdem das Land 1980 offiziell wieder der Nato beigetreten war, erklärte Papandreou noch bei jeder Gelegenheit: „Griechenland möchte überhaupt keinem Militärblock angehören, infolgedessen auch nicht der NATO.““

Vielleicht ging es in den Telefongesprächen zwischen Tsipras und Putin um diese Möglichkeit der Nutzung. Die NSA wird das Gespräch gewiss mitgeschnitten, aber möglicherweise noch nicht ausgewertet haben.

Mit dem jetzt nicht ausgehandelten Kompromiss sondern durchgesetzten Spar- und Ausverkaufsdiktat ist für Griechenland nicht das Geringste gewonnen. Die ausstehende Kapitalisierung der Banken lässt auf sich warten. Neuwahlen in Griechenland sind wahrscheinlich. Tsipras politische Exekution dann der Beweis, dass man wieder mit den alten Kräften vertrauensvoll zusammenarbeiten kann.

Dabei hätte es, wenn ein Restvermögen an Diplomatie noch vorhanden wäre, auch anders gehen können: Die Auflistung bestimmter Schutzbereiche wie die Garantie der Mindestrente in Griechenland in Höhe von 665 € hätte festgeschrieben werden können oder was den Treuhandfond, besser Privatisierungstopf betrifft, hätte wenigstens die Wasserversorgung ausgenommen werden können. Doch diese Erwartungshaltung setzt in der Politik ein normales Menschenverbild voraus. Das Fällen totalitärer Entscheidungen ist auch ein Kennzeichen psychopathologischen Verhaltens. Wer seiner Ideologie verfallen ist, kennt keine Zugeständnisse. Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen in Deutschland mit den Folgen totalitärer Herrschaftsformen ist der unwidersprochene Führungsstil im deutschen Leitmedium, wie er sich in der regierungskonformen Berichterstattung niedershlägt, besonders beängstigend.

Thomas Rudek
Interessengemeinschaft für Demokratie, Bürgerbeteiligung & Transparenz (IG DeBüT).